Vier Punkte um das Powerplay der Eisbären zu verbessern

Nach etwas mehr als einem Viertel der Saison befinden sich die Eisbären Berlin aktuell auf dem fünften Tabellenplatz der Deutschen Eishockey Liga. Nur vier Teams haben in der bisherigen Saison mehr Tore geschossen. Weniger Gegentore kassierten nur München und Düsseldorf. Anders als in vielen Jahren zuvor, verteilt sich das Scoring der Eisbären über mehrere Reihen. Es gibt jedoch eine große Baustelle – das Powerplay.

Nach 18 Spielen befindet sich das Berliner Powerplay auf dem 13. Platz. Nur magere neun Treffer gelangen den Eisbären in eigener Überzahl. Schlechter ist nur Iserlohn, die Berlins 12 Prozent in Überzahl noch unterbieten (9%).
Die Eisbären haben Schussanteile von 56% bei 5gegen5, hatten bislang 76-Mal die Möglichkeit mit einem Mann mehr auf dem Eis zu stehen. Damit belegen sie Platz 10. Wie ein Team, welches im Schnitt häufiger den Puck hat als sein Gegner, nur so wenig Strafen ziehen kann, ist eine Geschichte für einen anderen Tag.

“Tausend Trainer schon verschlissen
Spieler kommen, Spieler gehn”

In den Kommentaren zu unseren Game Recaps oder anderen Beiträgen liest man zuletzt häufig, dass das Powerplay der Eisbären die letzten Jahre immer schlecht war. Dabei wird allerdings das letzte Jahr unterschlagen, als sie zum Ende der Hauptrunde hinter Mannheim das zweitbeste Powerplay der DEL hatten.
Allerdings begleitet das Thema die Eisbären Berlin schon einige Zeit. Unter Uwe Krupp hatten sie fast traditionell schlechte Special Teams. Vor zwei Jahren habe ich bereits auf #Hauptstadteishockey die Probleme des Berliner Powerplays analysiert. Einige Dinge aus dem Artikel von damals sind noch heute aktuell.

Heute wollen wir auf vier Punkte schauen, wie man das Powerplay der Eisbären verbessern kann. Dabei wird es zum Gebrauch von jeder Menge Anglizismen kommen, ich versuche sie so gut es geht zu erklären.

1. Das System

Schauen wir zunächst auf das System. Hier setzten die Eisbären auf eine vage Variante eines 1-3-1. Schauen wir hierzu nochmal auf ein Bild aus der Analyse von vor zwei Jahren. Das 1-3-1 setzt sich zusammen aus einem Verteidiger (Pointman), zwei Stürmern in der Nähe der Bullypunkte (Half Wall), einem Stürmer in der Mitte (Bumper) und einem Stürmer vor dem Tor (Netfront).

Ziel des Systems ist es, viele Pass- und Abschlussmöglichkeiten zu schaffen. Im Grunde ist einer der zwei Half Wall-Spieler der Spielmacher des Powerplays. Von diesen Halbpositionen hat er jeden seiner vier Mitspieler als Schussoption. Der Verteidiger ist die zweite Option, wenn es über die Half Wall nicht klappt. Der Spieler vor dem Tor verdeckt dem Torwart die Sicht, soll aber auch anspielbar für mögliche Pässe zur Grundlinie sein. Gute Hand-Augen-Koordination zum Abfälschen von Schüssen, ist ebenfalls hilfreich. Auf der anderen Half Wall-Seite steht in der Regel ein Spieler mit einem guten Direktschuss (One-Timer). Der Bumper in der Mitte dient als Anspielstation für kurze Pässe, für Direktschüsse, kann Schüsse abfälschen und soll dafür Sorgen, die Box des Teams in Unterzahl eng zu halten. Denn eine Gefahr direkt im Slot, öffnet die Räume auf den Half Wall-Positionen.

Bei den Eisbären passiert es leider zu häufig, dass Spieler diese Positionen nicht halten. Das Wichtigste für ein funktionierendes Powerplay, ist taktische Disziplin. Wenn sich der Puck beispielsweise an der rechten Half Wall befindet und der Spieler auf der anderen Seite plötzlich Richtung blaue Linie fährt, nimmt er dem Spielmacher eine Option weg. Sicher ist es nicht verkehrt, sich in Position zu bringen, um dem Spielmacher zu unterstützen. Bei den Eisbären ist es bislang allerdings zu oft so, dass sich Spieler dadurch in eine Position bringen, in der sie keine Option mehr sind, oder die komplette Formation aus der Ordnung kommt. Warum es wichtig ist, die Positionen zu halten und Ordnung in der Powerplay-Formation zu haben, dazu kommen wir im zweiten Punkt.

2. Puck Movement

Warum taktische Disziplin wichtig ist, haben wir besprochen. Ein zweiter wichtiger Punkt, um das Powerplay der Eisbären zu verbessern, ist die Scheibenbewegung.
Es ist ein Irrglaube, fehlende Bewegung in Überzahl auf die Spieler zurückzuführen. Fehlende Bewegung ist fast immer auf das Bewegen der Scheibe bezogen. Hier liegt auch das größte Problem der Berliner Überzahl. Der Puck wird zu langsam bewegt. Der scheibenführende Spieler sucht häufig zu lange nach seinen Optionen und trennt sich nicht schnell genug vom Puck. Dies hat zur Folge, dass es der gegnerischen Unterzahl ermöglicht, Passwege besser zu blockieren. Selbst aussichtsreiche Spielzüge versanden, wenn der Gegner wieder in Position ist, bis der Puck gespielt wird. Auch Torhüter haben so eine bessere Chance das Spiel vor sich zu lesen und in Position zu kommen.

Die Puckbewegung soll dazu führen, das Penalty-Kill des Gegners aufzubrechen. wenn sich der Gegner permanent bewegen und sich immer wieder auf eine neue mögliche Gefahr einstellen muss. Ein gutes Powerplay versteht es, den Gegner durch gutes Puck Movement in Bewegung zu bringen, um so die Räume für gefährliche Abschlüsse zu öffnen. Ein Beispiel aus der NHL: Jedes Team weiß, dass Alex Ovechkin die erste Option für den Schuss ist, wenn die Washington Capitals in Überzahl sind. Dennoch schafft er es immer wieder zum Abschluss zu kommen und seine Tore zu schießen. Das liegt vor allem daran, dass es die Capitals immer wieder schaffen, ihn durch Puckbewegung in Szene zu setzen.

Die Royal Road nutzen die Eisbären quasi gar nicht. Was ist die Royal Road? Es ist einfach ausgedrückt, der Bereich zwischen den beiden Bullykreisen. Eine Studie zu allen Powerplay-Toren in der NHL Saison 2017/18 hat ergeben, dass von den 1.356 Toren die in Überzahl geschossen wurden, 1009 (74%) nach einem Pass durch die Royal Road gefallen sind. Das ist ein enorm hoher Anteil und belegt, dass Puck Movement wichtiger ist als Player Movement. Der Pass durch die Royal Road birgt für die gegnerische Unterzahl gleich mehrere Gefahren. Zum einen befindet sich der Passempfänger in der Regel im Rücken der verteidigenden Mannschaft. Sprich sie sehen nicht, wie und wo er sich genau in Position bringt. Da der Abschluss nach einem Pass durch die Royal Road meist ein Direktschuss ist, sind diese Situationen auch für Goalies sehr schwer zu lesen. Der Schütze steht auf der ungeschützten Seite des Tors. Dem Goalie bleibt die Wahl, orientiert er sich schon vor dem Pass in Richtung des Schützen und gibt ein Teil seines Tors auf der kurzen Seite frei oder verlässt er sich auf seine Verteidiger, dass sie den Pass verhindern. Ein Direktschuss nach einem Pass durch die Royal Road führt immer zu einer Großchance,
Beim Mangel an Royal Road Pässen kommt man automatisch zurück auf den ersten Punkt. Fehlende Disziplin in der Aufstellung nimmt den Eisbären die Möglichkeit diese Pässe zu spielen. Zu langsames Bewegen der Scheibe hat zur Folge, dass diese Passwege häufig bereits zugestellt sind und letztlich führt es zum dritten Punkt: Die Schussauswahl.

3. Shot Selection

50 Prozent der Schüsse des diesjährigen Powerplays der Eisbären Berlin kommen von der blauen Linie. Ryan McKiernan hat in dieser Saison bereits 30-Mal in Überzahl geschossen, seine Ausbeute: 0 Tore.
Schüsse von der blauen Linie sind nicht gefährlich. Genauer betrachtet sind sie sogar ziemlich ungefährlich. Als Team in Unterzahl kann dir nichts besseres passieren, als ein Team, welches immer wieder von der blauen Linie schießen will. In der NHL gab es aufgrund besserer Daten schon länger Erhebungen, die das bestätigen. In der DEL haben wir seit der vergangenen Saison Schussdaten und Hannes hat sie visualisiert.
In der vergangenen Saison wurden in der Deutschen Eishockey Liga 3.736 Torschüsse bei 5gegen4 abgegeben. 455 Tore wurden erzielt. Das entspricht 12 Prozent. Von der blauen Linie wurde 1.525-Mal aufs Tor geschossen. Nur sechs Prozent (95 Tore) dieser Schüsse waren erfolgreich. Dem gegenüber stehen 359 Tore bei 2.189 Schüsse aus den Halbpositionen und dem Slot (16%).
In dieser Saison sind bislang 51 Tore von der blauen Linie erzielt worden. Schüsse aus den gefährlicheren Zonen führten zu 151 Toren.

In der Grafik sehen wir alle Schüsse, die von den Eisbären in dieser Saison abgefeuert wurden. Grüne Punkte sind Schüsse auf das Tor. Gelbe und Rote Punkte stehen für geblockte Schüsse und Schüsse, die das Tor verfehlten.
Nur 39% der Berliner Powerplay Schüsse von der blauen Linie waren Torschüsse. 78,5 Prozent der Schüsse die von links, rechts und dem Slot abgegeben wurden, waren Torschüsse.

Es spricht also viel dafür, die Schüsse aus dem Slot und den Half Wall Positionen zu suchen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Punkte 1 und 2 beachtet werden. Positionstreue und gute Puckbewegung sind der Schlüssel zum Erfolg. Die Argumentation, die Eisbären Berlin bräuchten einen “richtigen Blueliner, der Raketen von der blauen Linie abfeuert”, ist veraltet und würde dem Powerplay der Eisbären nicht helfen. Ich bin sogar der Meinung, dass die Eisbären bereits das perfekte Personal haben, um ein erfolgreiches Powerplay in der DEL zu haben.

4. Formationen

Beginnen wir mit der ersten Powerplay Formation:

Mark Olver
Leo Pföderl – Maxim Lapierre – Lukas Reichel
Ryan McKiernan

In dieser Formation kommt Reichel als Spielmacher zum Einsatz. Mit Lapierre, Pföderl und McKiernan hat er drei Rechtsschützen als direkte Anspielmöglichkeit. McKiernan als Unterstützung für Reichel und nicht als Schütze. Ziel sollte es sein, Pföderl als erste Option für den One-Timer einzusetzen. Lapierre als Bumper hat die Fähigkeit mit wenig Platz viel zu kreieren. Er kann aus dieser Position schießen, aber auch Pässe spielen. Olver kann vor dem Tor Rebounds verwerten.

Die zweite Formation könnte so aussehen:

Louis-Marc Aubry
Austin Ortega – Landon Ferraro – Marcel Noebels
Jonas Müller

In dieser Formation könnten Ortega und Noebels als Spielmacher eingesetzt werden, wobei Noebels die erste Wahl sein sollte. Ortega hat vielleicht keinen überragenden Direktschuss, sein Schuss ist allerdings nicht gänzlich ungefährlich. Ferraro als Rechtsschütze im Slot, gibt Noebels die Option des One-Timers im Slot. Sollte Ortega die Rolle des Playmakers übernehmen, könnten Aubry und Ferraro die Positionen tauschen und Aubry wäre als Bumper anspielbar. Müller ist aufgrund seiner Fähigkeiten mit der Scheibe und seiner Übersicht die logische Folge für die Point-Position.

2 Gedanken zu „Vier Punkte um das Powerplay der Eisbären zu verbessern

  • 21. November 2019 um 10:14
    Permalink

    Jep,sehe auch das die Spieler viel zu lange brauchen den Puck zu spielen…….

    Antwort
  • 2. Dezember 2019 um 18:11
    Permalink

    Eure Hockeyanalysen helfen weiter, um das Spiel aus einem anderen/erweiterten Blickwinkel als nur (aber natürlich auch) aus Fanperspektive zu beobachten. Das macht Spaß. Danke dafür.

    Antwort

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