Julian Talbot beendet seine Karriere

Es läuft die 51. Spielminute an diesem 24. April 2012. An der blauen Linie des eigenen Drittels, direkt vor der Eisbären-Bank spitzelt er mit seinem Schläger, beim Versuch des gegnerischen Verteidigers den Puck unter Kontrolle zu bekommen, die Scheibe in die neutrale Zone und setzt direkt nach. Auf einmal geht er alleine auf Mannheims Torwart Fred Brathwaite zu und wird eine Sekunde später vom heranstürmenden Verteidiger Shawn Belle unfair am Torschuss gehindert. Die Schiedsrichter entscheiden auf Penaltyschuss. Es kommt der große Moment. Er läuft über rechts an und schießt cool auf der linken Stockhandseite halbhoch ein. 3:1. Die Vorentscheidung. Die Eisbären holen sich den sechsten Meistertitel. Es ist die wohl berühmteste Szene des Stürmers mit der Nummer 48 im Eisbären-Trikot, der sechs Jahre lang die blau-weiß-roten Farben vertrat und 2012 knapp zehn Minuten vor Schluss im fünften Spiel das letzte Tor in dieser denkwürdigen Finalserie zwischen den Eisbären und Adlern erzielte.

Der Kanadier Julian Talbot beendete am 11. September 2020 seine Spielerkarriere offiziell. Er ist inzwischen auch schon 35 Jahre alt. Wie die Zeit vergeht… An dieser Stelle möchten wir von Hauptstadteishockey ihm einen herzlichen Glückwunsch zu einer eindrucksvollen Eishockeylaufbahn aussprechen.

Obwohl er nicht die besten körperlichen Voraussetzungen für eine Eishockeyprofikarriere hatte, erreichte er nach guten Juniorenjahren, fünf starken Spielzeiten in den nordamerikanischen Minor-Leagues AHL und ECHL und eben seinen Prunkjahren beim Hauptstadtclub wahrscheinlich fast alle seiner Ziele. Nur dieses eine, wovon alle Jungs träumen, die sich auf Schlittschuhen sicherer als ohne fortbewegen, blieb ihm versagt. Ein NHL-Match bestritt Talby oder Julz nie.

Seine wahrscheinlich beste Saison überhaupt spielte Julian Talbot 2012/13. Mitte Oktober rückte er in die Verteidigung. Einerseits hatten die Eisbären da Qualitätsbedarf, andererseits war es vorne aufgrund der Verpflichtung zweier Spieler, die man durchaus als echte Kracher bezeichnen konnte, nämlich Claude Giroux und Danny Brière etwas voller geworden. Eine halbe Spielzeit bestritt Talbot als Verteidiger und erreichte trotzdem 30 Scorerpunkte. Das lag sicher auch daran, dass er viel Powerplay spielen durfte und das auch mit Giroux und Brière. Dann kamen die Playoffs, in denen er noch ne Schippe drauflegte und zum Monster wurde. Acht Tore und elf Vorlagen in nur 13 Playoff-Partien. Zudem erzielte er im vierten Finale gleich zwei Treffer, darunter mit dem 2:1 auch den für die Meisterschaft entscheidenden. Ganz stark!

Die prägende #48 der Eisbären war kein Showman, kein Eisblitz, kein brillanter Techniker. Er hielt sich auf und neben dem Eis eher im Hintergrund. Er blieb stets cool und erledigte seinen Job. Wenn es mal handfester zuging, kniff er nicht. Er war sowieso immer am besten, wenn er auch körperlich spielte. Eines Tages war sein Bruder Joe (ebenfalls Eishockeyprofi) in Berlin zu Gast. Hinterher meinte er zu Julian, er würde sehr zaghaft spielen. Das nahm er sich zu Herzen, fuhr in den Partien danach seine Checks immer zu Ende und konnte so wichtige Akzente setzen, auch mit dem Puck.

Ex-Eisbären-Kapitän Stefan Ustorf, der Talbot als Mitspieler und sportlicher Leiter begleitete, sagt: „Julian war ein sehr zuverlässiger Spieler, sowohl offensiv als auch defensiv. Er hat in Berlin immer dann sein bestes Eishockey gespielt, wenn es darauf ankam. Er war ein hervorragender Mannschaftskamerad, weil er sich immer voll in den Dienst des Teams gestellt hat. Man hat es daran gesehen, dass er ohne einen Ton zu sagen Verteidiger gespielt hat, wenn der Trainer es von ihm verlangte. Seine größte Stärke war für mich sein Charakter. Er ist die Sorte Mensch und Spieler, die du in einer Mannschaft brauchst, um erfolgreich zu sein.“

Ex-Goalie Rob Zepp erlebte Talbot ähnlich: “Julian war ein toller Mitspieler und wertvolles Teammitglied. Die Kombination aus seinem Talent und seiner Bissigkeit half uns, zwei Titel zu gewinnen. Ich möchte ihm zu einer fantastischen Profi-Karriere gratulieren und ihm alles Gute für das nächste Kapitel in seinem Leben wünschen.”

Stürmer Cedric Schiemenz, der den Eisbären-Nachwuchs durchlief und jetzt für Schwenningen in der DEL spielt, beeindruckte Talbot dermaßen, dass er ihn sich zum Vorbild nahm. Irgendwann dann sogar auf die Rückennummer bezogen. „Ich fand ihn damals als Spieler richtig gut als er nach Berlin kam. Da war ich selbst ja noch 12 oder 13“, erzählt Ceddi. „Einen speziellen Grund, warum er mein Lieblingsspieler wurde, kann ich nicht sagen. Vielleicht waren es die langen Haare oder wie nett er war wenn ich ihm nach einem Schläger gefragt hab… Dadurch, dass ich dann irgendwann im nächsten Verein meine #22 nicht mehr tragen konnte, habe ich entschieden, die #48 zu nehmen. Er war ein besonderer Spieler. Ich habe ihm auch zu seiner Karriere gratuliert und er hat geantwortet und war cool wie immer.“

Talbot wechselte 2017 von Berlin nach Klagenfurt. Spielt nach einer Saison in der dortigen EBEL dann noch anderthalb Jahre bei den Eispiraten Crimmitschau und zuletzt eine halbe Saison bei den Nottingham Panthers. Die Panthers waren es auch, die jetzt auf ihrer Website von seinem Rücktritt berichteten.

Wenn man von der „goldenen 85er“ Generation der Eisbären spricht, ist viel die Rede von Rankel, Busch, Hördler und Baxmann. Julian Talbot allerdings gehört definitiv auch dazu.

Wir sind gespannt darauf, was er jetzt vorhat und wünschen ihm viel Erfolg dabei!

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