“Ich muss Lukas ein Vorbild sein, mein bestes geben und ihm helfen, ein großartiger Hockeyspieler zu werden.” – Maxim Lapierre im Interview mit dem Eis-Dynamo

Gemeinsam mit Tom und Christian von #Haupstadteishockey traf sich Sanne kurz nach der Länderspielpause mit Maxim Lapierre für ein ausführliches Interview. Das Café seiner Wahl hatte leider unsere Tischreservierung übersehen, also schlug er vor, dass wir uns raus setzen. Mitte November ein ambitioniertes Anliegen, jedenfalls für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer. Er verstand unser Zögern nicht so recht, denn für ihn als Kanadier war es mild draußen. Nun zum Glück gab es Decken und das sehr angeregte Gespräch ließ einen die Kälte auch schnell vergessen.

Eis-Dynamo (ED): Wo hast Du die kurze Pause verbracht, Maxim?

Maxime Lapierre (ML): Ich bin zu Hause geblieben, hier in Berlin. Vor allem habe ich mich ausgeruht und nichts gemacht. Das muss manchmal sein. Und mit den Kindern hatten wir jetzt auch keine Lust zu verreisen. Wenn wir im Sommer nach Kanada fliegen, haben wir immer so viel um die Ohren – Familie treffen, Freunde treffen… da ist es auch malö ganz schön, ein paar Tage Ruhe zu haben.

ED: Habt ihr die Stadt ein bisschen erkundet?

ML: Wir sind schon ein bisschen herum gelaufen, aber noch nicht wirklich intensiv. Wir warten auf den Besuch der Familie zu Weihnachten. Das wird dann der Startpunkt sein, um tiefer in Berlin einzutauchen.

ED: Du bist in St. Leonard, Montréal geboren. Ist das noch immer die Heimat?

ML: Nicht direkt. Ich bin zwar in Montréal, aber in einer anderen Ecke. Ich bin zwar in St. Leonard geboren, aber nicht wirklich aufgewachsen. Wir sind da weg gezogen, als ich ein Jahr alt war.

ED: Wohnst Du in Montréal direkt?

ML: Nein, zehn Minuten weg. Auf der anderen Seite vom Fluss.

ED: Sanne war gerade dort, insofern weiß sie halbwegs, wovon Du redest. Und sie hat dort einen alten Freund von Dir getroffen, Kevin Poulin. Er erzählte, dass ihr im Sommer viel zusammen trainiert und Du deswegen auch die Rückennummer 40 tragen darfst. (Anm. d. Red.: Das Interview mit Kevin ist nachzulesen auf der Seite von Haupstadteishockey).

ML: Wie bitte?! Er ist immer noch jünger als ich. Er sollte mal aufpassen, was er sagt und nicht so frech sein. (Gelächter)

ED: Habt ihr darüber gesprochen?

ML: Über die Nummer? Nein, die 40 war beinahe meine gesamte Karriere über meine Nummer, außer in Lugano. Ich lege nicht absolut wert auf die Nummer. Wenn sie verfügbar ist, nehme ich sie. Wenn nicht, dann halt nicht. Aber bisher hatte ich Glück.

ED: Wieso die 40?

ML: Es war die Rückennummer, die ich bekommen habe, als ich in die NHL kam. Von dem Moment hat sie natürlich eine große Bedeutung. Bei den Junioren hatte ich noch die 25. Auf die bin ich in Lugano dann auch ausgewichen.

ED: Abgesehen von Dir kommen noch zwei andere ehemalige NHLer aus St. Leonard. Witzigerweise beides Torhüter. Martin Brodeur und Roberto Luongo.

ML: Ja, stimmt. Es ist schon ziemlich verrückt, dass zwei Hall of Fame-Torhüter aus dieser kleinen Stadt kommen. Ich hatte das Glück, mit beiden zusammen spielen zu dürfen. Sie sind großartige Jungs, was man von der ersten Sekunde an merkt. Es hat einen Grund, warum beide so eine Karriere hingelegt haben, denn sie sind sehr besondere Menschen.

ED: Sie sind von der Persönlichkeit schon unterschiedlich oder? Luongo scheint eher extrovertiert, Brodeur eher der Ruhige zu sein.

ML: Ja, das stimmt schon. Aber am Ende des Tages sind beide sehr witzig, beide reden sehr gerne und lieben es, Bestandteil eines Teams zu sein. In dem Punkt sind sie sich dann doch sehr ähnlich, auch wenn sie ansonsten  unterschiedlich sind.

ED: In Kanada ist es keine große Überraschung, wenn man als Kind anfängt, Eishockey zu spielen. Wann kam bei Dir der Punkt, dass du gemerkt hast, dass es eventuell zu einer Profikarriere reichen könnte?

ML: Um ehrlich zu sein: Als ich anfing mit Hockey, da war ich vier oder fünf, konnte ich es überhaupt nicht leiden. Also hab ich wieder aufgehört, bis ich acht war. Dann bin ich zu meinem Vater gegangen und wollte wieder anfangen. Und ich glaube, das einzige Jahr, in dem ich wirklich geglaubt habe, dass ich eine Chance habe, war in dem Jahr, wo ich gedraftet wurde. Aber selbst dann. Ich hab gespielt, weil es mir Spaß gemacht hat, und erst, als NHL Scouts anfingen, häufiger meinen Namen zu erwähnen, wurde mir klar, dass ich vielleicht eine Chance haben könnte.

ED: Und wer hatte in Sachen Eishockey den größten Einfluss auf Dich?

ML: Das waren auf jeden Fall meine Eltern. Sie waren immer da, haben mich überall hingebracht. Und mein Vater hat mir die Werte beigebracht. Immer hart zu arbeiten, Träume ernst nehmen und versuchen, sie zu realisieren. Alles, was in der Hockeywelt, aber natürlich auch im normalen Leben Gültigkeit hat. Darüber hinaus gab es natürlich auch Trainer. Ich denke da an Alain Vigneault, der jetzt Cheftrainer bei den Philadelphia Flyers ist. Er war damals mein Trainer bei den Junioren und kam gerade aus der NHL zurück, um seine Karriere neu aufzubauen. Ich habe ihn sehr respektiert und alles, was er mir gesagt hat, hat mich in Bezug auf die NHL sehr beeinflusst.

ED: Und hattest Du irgendwelche Vorbilder?

ML: Ja… sie sind definitiv andere Spielertypen (lacht), Mario Lemieux und Patrick Roy. Der ist in Montréal natürlich eine Legende. Und es gibt einen Film über Lemieux, über seine Ziele und Karriere. Das war der erste Eishockeyfilm, den ich gesehen habe.

ED: Nun, ,wir müssen Dich vermutlich nicht fragen, welches Dein Lieblingsteam der NHL ist.

ML: (lacht) Nein, ganz sicher nicht. Vorher schon nicht. Aber spätestens, nachdem sie mich gedraftet haben und ich das erste Mal die Spielerkabine betreten habe und all diese Fotos gesehen habe. Die ganzen Zeugnisse der Geschichte des Vereins. Das hat es auf ein anderes Level gehoben. Ich werde für immer ein Habs-Fan sein.

ED: Du sagtest es ja schon. Die Montréal Canadiens haben Dich gedraftet. Wie lange hat es gedauert, bis Du das wirklich realisiert hast, dass Du jetzt Bestandteil Deines Lieblingsteams bist?

ML: Das dauert ehrlich gesagt länger, als man glauben würde. Wenn man gedraftet wird, denkt man, dass es ein Traum ist und Spaß. Und dann merkt man, dass das harte Arbeit ist. Man kommt in die Kabine und sieht die Veteranen, die Trainingsgeräte, die ganze Geschichte an den Wänden, dann denkt man nur. ‚Verdammt, das darf ich jetzt nicht verbocken. Ich muss gut sein.‘

ED: Nach Deinen Jahren bei den Habs bist Du zweimal innerhalb eines Jahres getraded worden. Erst nach Anaheim und dann nach Vancouver. Für viele war das 2011-Team der Canucks das vielleicht beste Team mit großen Chancen auf den Stanley Cup. Was hat dieses Team so besonders gemacht?

ML: Das erste, was mir da in den Sinn kommt, ist die Chemie innerhalb des Teams. Vom ersten Moment an, wo ich die Kabine betreten habe, hab ich was Besonderes gespürt. Die Jungs mochten einander, haben sehr viel Zeit miteinander verbracht, waren immer gut gelaunt, haben immer positiv gedacht. Wir hatten ein paar unglaubliche Führungsspieler. Die Sedins, Manny Malhotra, der ja verletzt wurde, Luongo und all diese besonderen Menschen. Es hat so viel Spaß gemacht, jeden Tag mit ihnen auf dem Eis zu stehen. Wenn man dann noch die Spielstärke dazu nimmt, die wir hatten, bin ich ehrlich gesagt immer noch geschockt, dass wir in dem Jahr nicht den Cup geholt haben. Aber das wird wohl noch das ganze Leben anhalten.

ED: Genau das wäre unsere nächste Frage gewesen. Ihr habt die Finalserie gegen die Boston Bruins verloren. Wie lange dauert es, bis man darüber hinweg ist?

ML: Gar nicht. Das überwindet man nicht. Immer, wenn ich alleine bin und anfange, über Hockey nachzudenken, sehe ich Situationen aus Spiel sieben vor mir und frage mich, ob ich irgendein Wunder hätte vollbringen können. Ich sehe mich selber, wie ich irgendeine wichtige, spielentscheidende Situation kreiere, die das Spiel anders hätte ausgehen lassen. (Er grinst dabei).

Tja, ist nicht passiert. Mittlerweile bin ich älter und an dem Punkt, wo ich mehr in meine Karriere zurück blicke, statt nach vorne. Vorne ist nicht mehr so viel übrig. (lacht) Und im Laufe der Jahre wird Dir klar, wie großartig es war, Bestandteil dieses Abenteuers gewesen zu sein, Bestandteil eines siebten Spiels im Stanley Cup-Finale gewesen zu sein und das auch noch zu Hause. Davon träumt jedes Kind in der Hockeywelt.

ED: Die Serie gegen Boston war extrem brutal. Ein heftiger Check von Aron Rome gegen Horton, die Verletzung von Mason Raymon, Alex Burrows hat Bergeron gebissen, bei jeder Spielunterbrechung gab es Gerangel. Wie sehr haben die beiden Teams sich gehasst?

ML: Es war wirklich extrem körperlich und unglaublich anstrengend. Ich erinnere mich, dass ich, wenn ich nach Hause kam, vollkommen ausgelaugt auf dem Sofa oder dem Bett lag und zu nichts mehr in der Lage war. Erst beim Anpfiff des nächsten Spiels kamen die Lebensgeister zurück. Da bist du wieder zum Sportler geworden und hast gekämpft. Jenseits des Eises war man umzingelt von körperlichen Wracks. Jeder schien verletzt zu sein und hat trotzdem gespielt, um dem Team zu helfen. Ich kann bis heute nicht glauben, mit was für Verletzungen manche Spieler aufs Eis gegangen sind. Sie konnten nicht laufen oder ihre Schlittschuhe schnüren, sind aber aufs Eis gegangen. Fünf oder sechs Jungs mussten in der Woche nach dem letzten Spiel operiert werden. Das war bestialisch. Aber das hat es auch so besonders gemacht. Bestandteil dieser unglaublichen Truppe zu sein. Das macht unseren Sport ja auch aus, solche Kämpfe. Und mal gewinnt man, mal verliert man. In dem Fall war der Sieg leider auf der falschen Seite. Und dann auch noch das Team, was ich schon als Kind gehasst habe. (lacht)

ED: Im Laufe der Jahre hast Du Dir in der NHL den Ruf eingehandelt ein Provokateur zu sein. Harte Checks, Prügeleien, aber vor allem Trash Talk. Hattest Du das Gefühl, das tun zu müssen, um in der Liga zu bleiben?

ML: Ja ich denke schon. Ich brauchte in den ersten ein, zwei Jahren in der NHL etwas, was mich von anderen unterschied. Wenn man in so ein Trainigscamp kommt, sind da vierzig bis sechzig Jungs und die sind alle gut. Wow… alle können gut Schlittschuhlaufen, hart checken, gut schießen. Da fragst Du Dich, wie Du es ins Team schaffen sollst. Du brauchst also irgendwas, was Aufmerksamkeit erregt und es gab ein paar Leute, die mir sagten, dass das vielleicht ein gute Rolle für mich sein könnte. Und es hat funktioniert. Ich bin ins Team gekommen. Aber ihr wisst ja, wie das ist. Wenn man erstmal einen Ruf weg hat, ist es eigentlich egal, was man tut. Der ist ruiniert. Aber Bestandteil des Teams zu sein bekommt im Laufe der Jahre ja auch eine andere Bedeutung. Es ist nicht mehr nur Spaß. Es ist das, wie Du Dein Geld verdienst, deine Zukunft planst und Deine Familie ernährst. Dann tust Du alles, was nötig ist. Und am Ende bist Du auch bereit, Dein Image und Deine Reputation zu opfern.

ED: Es gibt einen Blog der Canucks, wo man Dich als das Gesicht der NHL bezeichnete, in das man am liebsten reinschlagen würde. Und sie meinten das als Kompliment.

ML: (lacht los) Kann ich so annehmen. Es gab sicher eine Menge Leute in der Liga, die mir gerne eine reingehauen hätten. Aber das gehört halt auch dazu. Und für mich sind das zwei vollkommen verschiedene Welten. Auf dem Eis und jenseits davon. Es ist ein Spiel, ein Sport und da gehört diese Seite bei mir dazu. Privat bin ich vollkommen anders. Zuhause betriebe ich keinen Trash Talk. (lacht)

ED: Du bist definitiv der Typ Spieler, den man liebt, wenn er im eigenen Team spielt und hasst, wenn der zum gegnerischen gehört.

ML: Das ist natürlich auch so eine Sache. Wenn Du auf dem Eis spürst, dass Dich jeder Gegenspieler hasst, Du aber gleichzeitig spürst, wie die Fans hinter Dir stehen. Das ist schon ziemlich unbezahlbar. Das ist wirklich sehr speziell. Als ich nach Lugano kam, standen die Fans sofort hinter mir. Sie liebten diese Art, wie ich spiele. Ich erinnere mich, als ich meine Vertragsverlängerung unterschieben habe, war ich gar nicht in Lugano. Sie haben  aber bei dem nächsten Spiel bekannt gegeben, dass ich verlängert wurde. Und es gab Standing Ovations, obwohl ich gar nicht da war. Das war schon sehr verrückt. Aber das macht es ja auch aus. Für wen spielen wir denn? Für die Fans natürlich. Ich weiß ja, wie es bei mir und den Habs war und ist. Man ist den Spielern zugetan, man entwickelt Emotionen. Manchmal ist man stinksauer auf sie, aber im Endeffekt liebt man das Team und zeigt das auch. Und das ist es, was das Spiel erst zur Freude werden lässt. Sport ohne Fans macht nun wirklich keinen Spaß. (lacht)

ED: Hast Du einen bevorzugten Trash Talk-Gegner?

ML: Nein, nicht wirklich. Ich gehe nicht nach Hause mit dem Gedanken, dass ich diesen oder jenen beim nächsten Spiel ins Visier nehme. Es hat ja auch mit dem Verlauf des Spieles zusammen, Manchmal werde ich sauer, manchmal nicht. Manchmal ist es nötig, um das eigene Team ein bisschen aufzurütteln, wenn das Momentum gerade gegen einen steht. Um zu stören, den Spielfluß des Gegners zu unterbrechen. Ich gehe nie in ein Spiel und denke: Okay, den Kerl nehme ich mir heute vor.

ED: Wir hatten es ja schon über Europa. Du bist 2015 rüber gekommen. Erst nach Schweden zu MODO, wo es ganz gut für Dich lief, dennoch hast Du nach dem Jahr den Verein verlassen, da es mit dem neuen Trainer nicht so gut klappte. Was war los?

ML: Für mich war natürlich alles neu. Es war mein erstes Jahr in Europa, die Mentalität ist  eine andere. Das ist vollkommen normal. Jede Liga, jeder Trainer hat eine andere Sicht auf den Sport. MODO war eine gute Erfahrung, alle behandelten mich super, da kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Die Sedin Zwillinge waren es, die mich unbedingt dahaben wollten. Und ich war an einem Punkt, wo es Zeit für eine Veränderung war.  Als ich mich entschieden hatte, sagte mir jeder, dass ich mir die zeit nehmen soll, um mich an alles zu gewöhnen. Die große Eisfläche, die ganze Art zu spielen. Man ist zwar immer noch der gleiche Spieler, aber man hat hier nicht zwingend die gleiche Rolle, wie in der NHL. MODO brauchte zu der Zeit Hilfe von außerhalb, ich wusste also, dass ich viel Eiszeit kriegen würde. Und der damalige Trainer, Larry Hurras hat alles versucht, um mich zu überzeugen. Ich wäre sonst vermutlich in einen Try-Out in der NHL gegangen, aber er hat nicht locker gelassen und mich schließlich überzeugt. Und dann wird er gefeuert. Und sein Nachfolger hatte natürlich eine andere Idee, einen anderen Plan. Und, wenn der nicht zu den eigenen Plänen passt… Auf dem Eis mache ich manchmal seltsame Dinge, spiele den Clown oder sonst was. Aber in meinem Leben bin ich sehr straight und nach vorne orientiert. Wenn etwas nicht passt, dann ziehe ich meine Konsequenzen.

ED: Du bist bekanntermaßen danach nach Lugano gegangen. Hast deinen Vertrag verlängert, warst absoluter Publikumsliebling, hattest noch einen laufenden Vertrag und bist dennoch nach Berlin gekommen. Was waren da die Gründe?

ML: Eigentlich ähnlich. Lugano hat alles verändert, den Manager, den Trainer, jede Menge Spieler. Und halt auch Importspieler und in der Schweiz sind ja nur vier erlaubt. Da schaut man sich einmal kurz um und weiß, die anderen Ausländer sind auch gute Spieler. Für mich gab es vor allem zwei Gründe, nach Berlin zu kommen. Zum einen habe ich die Möglichkeiten gesehen, die meine Kinder hier in Sachen Schule haben. Zum anderen möchte ich die letzten Jahre meiner Karriere nicht verbringen, mit dem Wissen, dass es vielleicht sein könnte, dass ich Eiszeit bekomme, vielleicht aber auch nicht. Ich liebe das Spiel, ich will spielen. Wenn ich mal aussetzen musste, bin ich immer mit einer starken Einstellung zurück gekommen. Ich wollte gewinnen, hart arbeiten und meinen Platz zurück erobern. Aber nicht zu wissen, ob man die Chance überhaupt bekommt… Und bei dem Spielplan in Europa vergehen dann auch mal schnell zwei Wochen, wenn man zwei, drei Spiele aussetzen muss. Das wollte ich nicht. Aber die Zeit in Lugano hat mir viel bedeutet und ich werde mich immer daran erinnern. Eins meiner Kinder ist dort geboren und ich hege keinen Groll, wenn ich an Lugano zurück denke. Aber es passte einfach nicht mehr.

ED: In einem kanadischen Radio-Interview hast Du neulich gesagt, dass mit dem Angebot aus Berlin auch eine Möglichkeit verbunden ist für einen Job nach Deiner Hockey-Karriere. Wie ausschlaggebend war das?

ML: Das haben wir nicht groß diskutiert. Ja, es gibt eine Möglichkeit, aber es ist nur eine von vielen, die ich habe. Für mich war erstmal die Gegenwart entscheidender. In der Hockeywelt gibt es so viele Möglichkeiten, die man nach der Karriere ergreifen kann. Ich weiß noch nicht, was ich später machen werde. Aber noch spiele ich ja auch.

ED: Das heißt, nach den zwei Jahren in Berlin ist noch nicht Schluss.

ML: Das hängt natürlich von meinem Körper ab. (lacht) Aber ich möchte schon gerne so lange spielen, wie ich kann.

ED: Als bekannt wurde, dass Du nach Berlin kommst, dachte natürlich jeder: Oh, mein Gott… Jeder kennt Dein Image als Bad Boy und war davon überzeugt, dass Du hier nahtlos so weiter machst. Aber bis jetzt bist Du ja total brav. Was ist los?

ML: (lacht) Wie ich ja vorhin schon sagte, hängt das immer davon ab, wie die Spiele laufen. Wir brauchten eine Weile, bis wir ins Rollen kamen, hatten viele Auswärtsspiele, sie waren zum Teil eng. Das ist einfach nicht die Zeit, um was verrücktes zu tun. Ich bin ja auch noch neu in der Liga und lerne erst, welche Jungs für Ärger gut sind oder nicht. Aber das ist immer noch ein Teil von mir und meinem Spiel und ihr werdet es sicher noch zu Gesicht bekommen.

ED: Im Chicago-Spiel hattest Du Dich ja schon mit jemandem in der Wolle.

ML: Ja, stimmt. Ich werde einfach verdammt sauer, wenn ein Mitspieler verletzt oder böse gecheckt wird. Sowas hatten wir bisher nicht. Tatsache ist, dass die Liga recht eng ist, und jedes Team muss versuchen, jedes Spiel zu gewinnen, denn das kann das Spiel sein, was am Ende der Saison den Unterschied macht. Die Ausgeglichenheit ist im Großen und ganzen gegeben. So, wie in der NHL. Es gibt keine einfachen Spiele mehr.

ED: Für Dich persönlich läuft die Saison ja ganz gut. Du bist Topscorer, spielst in Unterzahl, in Überzahl und es wirkt so, als wärst Du von Natur aus ein Führungsspieler. Wie würdest Du selber Deine Rolle im Team beschreiben?

ML: Ich versuche einfach, meine Erfahrung an meine Teamkollegen weiter zu geben. Ich zeige, dass ich jeden Abend für mein Team da bin und hundert Prozent gebe. Na ja – und diese Saison habe ich einen verdammt besonderen linken Flügelspieler neben mir, der eine völlig neue Leidenschaft in mir entfacht. Ich nehme meine Aufgabe ihm gegenüber sehr ernst, denn mir ist bewusst, welche Wirkung ich auf diesen jungen Kerl haben kann. Dieses Jahr kann sehr viel Auswirkung auf seine Zukunft in der NHL und im Hockey haben. Eishockey hat einen großen Einfluss auf das Leben, auch jenseits des Eises. Wenn ich mich als Beispiel nehme, ich habe meine Frau in Vancouver kennen gelernt. Dort bin ich nur wegen des Eishockey gewesen. Ich muss Lukas ein Vorbild sein, mein bestes geben und ihm helfen, ein großartiger Hockeyspieler zu werden.

ED: Genau über den jungen Mann wollten wir mit Dir reden: Lukas Reichel. Nervt es Dich mittlerweile, dass alle ständig mit Dir über ihn sprechen wollen?

ML: Nein, überhaupt nicht. Er bringt eine ganz spezielle Saite in mir zum klingen. Ich sehe mich selber vor 17 Jahren. (Lacht) Es ist schon schräg, mit einem Jungen zu spielen, der halb so alt ist. Er durchlebt gerade eine so spezielle Phase. Es ist unbezahlbar, dass er jedes Spiel die Chance hat zu zeigen war er kann und das vor den Augen der NHL-Scouts. Es ist großartig, das miterleben zu können.

ED: Nimmt er denn Ratschläge von Dir an oder denkt er eher, dass er schon alles richtig macht.

ML: Fakt ist, dass er so ziemlich alles richtig macht. (lacht) Beibringen kann ich ihm nichts mehr. Aber ich kann meine Erfahrungen teilen. Was ich erlebt habe. Es ist natürlich seine Entscheidung, ob er das annimmt oder nicht. Aber er ist für sein Alter unglaublich reif, er ist ruhig, sehr respektvoll und er lernt wahnsinnig schnell. Das ist vielleicht einer seiner größten Vorteile. Er muss Dinge nicht zwanzig Mal sehen, um sie zu begreifen. Ein, zwei Mal, dann hat er es drauf. Und seine natürliche Begabung und die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen machen ihn zu einem verdammt guten Spieler.

ED: Was, neben dieser Reife, vermutlich die meisten Leute überrascht bei Lukas ist, dass er absolut nicht schüchtern ist, was seine eigenen spielerischen Fähigkeiten angeht. Und er übernimmt Verantwortung auf dem Eis.

ML: Er hat einfach ein gesundes Selbstbewusstsein. Er weiß, was er drauf hat, lässt das aber nicht raus hängen. Er ist einfach da und macht sein Ding ohne abzuheben. Man merkt ihm  an, dass er an sich selber glaubt. Und das macht ihn zu so einem guten Reihenpartner. Wenn man mit ihm aufs Eis geht, weiß man einfach, dass er bereit ist, dass er alles geben wird und weiß, was er tut. Das ist großartig. Und er wird nicht nervös. Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Hockeyspieler. Lukas geht raus, macht seinen ersten Penaltyschuß in der DEL, trifft, kommt wieder auf die Bank und trinkt einen Schluck Wasser, als wäre nichts gewesen. Gute Nerven machen einen guten Athleten aus.

ED: Diese Chemie zwischen euch beiden auf dem Eis. War die von Anfang an da? Es ist vollkommen egal, wer zu euch beiden in die Reihe kommt, derjenige sieht automatisch auch gut aus neben euch.

ML: Sagen wir so, egal, ob er den Puck hat oder ich. Wann immer ich denke, es wäre toll, wenn er jetzt da stehen würde oder den Puck hierhin passen würde, passiert das genau so. Manchmal muss man an dieser Chemie arbeiten, manchmal ist sie einfach da. Bei uns ist sie einfach da. Er liest das Spiel unglaublich gut und er ist es, der seine Mitspieler besser aussehen lässt.

ED: Wie schätzt Du die Spielfähigkeit in der DEL ein. Verglichen mit anderen Ligen.

ML: Ich finde, dass es eine gute Liga ist. Zuhause in Kanada wird immer nur über die KHL geredet oder über Schweden. Aber hierher zu kommen, hat mir wirklich die Augen geöffnet. Dazu natürlich die Hallen und die Fans. Ich kann natürlich nur von mir selber reden, aber seid sicher, dass ich diese Liga anpreisen werde, wo es nur geht. (lacht) Es ist um Längen besser, als man mir vor einigen Jahren in Kanada weiß machen wollte.

ED: In einem anderen Interview hast Du gesagt, dass Du in Europa die Liebe zum Spiel zurück gefunden hast. Inwiefern?

ML: Dieses Gefühl eines jungen Hockeyspielers, der viel Eiszeit bekommt und viel am Puck ist. In Amerika hatte ich irgendwann meine feste Rolle in der dritten oder vierten Reihe. Du blockst einen Schuss, eroberst den Puck, passt und wechselst. Natürlich liebe ich meine NHL-Karriere, aber wenn ich vor die Wahl gestellt werde, ob ich dritte, vierte Reihe spiele oder erste oder zweite und im Powerplay auf dem Eis bin… jedes Kind sagt, dass es lieber Powerplay spielen will. (lacht) Ich will nicht undankbar klingen, ich habe meine Rolle in der NHL ja akzeptiert, aber es kommt der Moment – da sind wir wieder bei Lugano – ich will spielen. In Europa habe ich eine andere Rolle. Ich hab tolle Projekte, wie jetzt zum Beispiel Lukas. In Lugano war es ein junger Goalie, der vor dem Sprung in die NHL stand. Das macht einfach wahnsinnig Spaß.

ED: Und wie gefällt es Dir als Kanadier, in Europa zu leben?

ML: Ich finde es toll, egal, wo ich war. Aber Berlin ist natürlich speziell. Es gibt so viel zu sehen und zu erleben. Lugano war aber auch speziell. Du kommst aus Montréal direkt an ein Seeufer. Keine Autos, kein gar nichts. Das war sehr ungewohnt, hat mir aber auch gut gefallen. Ich liebe es, neue Kulturen und Lebensstile zu erkunden. Auch Schweden war diesbezüglich toll. Auch, wenn es nicht so gelaufen ist, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber das Essen und die Lebensart zu erkunden macht einfach Spaß.

ED: Für einen Frankokanadier ist es vielleicht auch leichter, sich in Europa zurecht zu finden, da Quebec doch sehr europäisch ist.

ML: Ja, das stimmt schon. Die französische Lebensart ist in Montréal oder Quebec City definitiv vorhanden.

ED: Wo wir grade von französisch reden. Warst Du schon in Frankreich?

ML: Ja, ich war vor drei oder vier Jahren da. Und die Geschichte habe ich gerade auch meinen Teamkollegen erzählt. (lacht schon vorher) Im Taxi habe ich natürlich französisch mit dem Fahrer gesprochen. Da dreht der sich um und bittet mich, doch lieber englisch zu reden. Ich war etwas geschockt. Ich muss offenbar an meinem Akzent arbeiten. (lacht wieder)

ED: Redet ihr Frankokanadier in der Kabine französisch miteinander?

ML: Wenn wir in einer größeren Gruppe sind, natürlich nicht. Aber, wenn ich mit PC Labrie alleine bin, zum Beispiel, dann reden wir natürlich französisch. Das passiert dann einfach, es ist halt unsere Muttersprache. Zu Hause spreche ich zum Beispiel kein Französische, weil meine Frau nur englisch kann.

ED: Und wie gefällt es Dir bis jetzt in Berlin zu leben?

ML: Ich liebe es. Zur Arena zu fahren, erinnert mich an die NHL. Viele Fans, viel Leidenschaft. Ich mag die Umgebung. Ich mag unsere Trainingshalle, die viel Geschichte in sich trägt. Und ich mag die Stadt. Ich bin wirklich glücklich hier.

ED: Das Sightseeing ist ja vertagt. Aber bitte nicht nur Weihachsmärkte angucken.

ML: Die aber auf jeden Fall! (lacht)

ED: Hat Dir schon jemand beigebracht, wie man Glühwein auf deutsch bestellt?

ML: Nein, bisher noch nicht. (lacht)

ED: Es ist ein schwieriges Wort, aber Du wirst es schnell lernen!

ML: Okay, ich frage nach. (lacht)

ED: Wir haben dieses Mal etwas Neues gemacht. Hauptstadteishockey ist ja nur online präsent und wir haben vorab gefragt, ob Fans Fragen an Dich haben. Hier kommen die gesammelten Werke. Christian möchte wissen, wie es zu der Reality-TV-Show „La Maison du Maxim Lapierre“ kam.

ML: Das kam ehrlich gesagt aus dem Nichts. Wir hatten ein Abendessen mit dem Team, es war die Weihnachtsfeier. Eine der Ehefrauen hatte gerade angefangen, als Innenarchitektin zu arbeiten. Irgendjemand bekam mit, dass wir uns darüber unterhielten, dass sie mein Haus gestalten sollte und sagte im Scherz, dass wir darüber eine TV-Show machen sollten. Irgendjemand anderes im Raum arbeitete beim Fernsehen und plötzlich entstand die Idee, eine Show darüber zu machen, wie das Haus für einen Junggesellen  gestaltet wird. (lacht)

ED: Robert fragt, wie es Dich oder Dein Spiel beeinflusst hat, mit Stars wie Crosby oder den Sedin Zwillingen zu spielen?

ML: Das ist speziell. Man weiß, dass man alles geben muss, denn solche Jungs scherzen nicht herum. Sie geben jede Nacht alles. Sie erwarten Ausführung und sie erwarten viel von jedem. Das kann schon mal Stress geben, obwohl sie Deine Teamkameraden sind. Aber es ist auf jeden Fall was Besonderes und eine große Ehre, mit solchen Jungs auf dem Eis zu stehen.

ED: Wie haben ja schon über Lukas geredet, aber Robert fragt, was Lukas noch lernen muss, um seinen Weg in die NHL zu machen.

ML: Puh… das ist schwierig. Der Junge ist schon so sehr seinem Alter voraus. Ich bin ja nicht mal sicher, ob ich ihm noch was beibringen kann. (lacht) Was er sicherlich noch irgendwann lernen wird und muss ist, dass es im Hockey nicht immer so einfach läuft, wie es das gerade für ihn ist. Es gibt einfach schlechte Tage, manchmal schlechte Phasen. Und da ist es wichtig, den Glauben an sich nicht zu verlieren.

ED: Wie war es, Dein erstes NHL-Tor zu schießen?

ML: Das war unglaublich und ich erinnere mich da noch genau dran. Es war ein Heimspiel vor meinen Freunden und der Familie. Besser geht es nicht. Ich bin nach dem Spiel nach Hause gefahren und habe mit dir Sequenz mindestens fünfhundert Mal angeguckt. (lacht) Es war schon Besonders, dass mir das zu Hause in Montréal gelungen ist.

ED: Hast Du den Puck noch?

ML: Natürlich. Die Canadians haben sich den Puck geschnappt und in eine spezielle Trophy eingearbeitet und die steht zu Hause auf dem Kaminsims.

ED: Stehen da auch noch andere Dinge?

ML: Ja, die Conference Final Trophy und ich habe  eine Auszeichnung für soziale Aktivitäten bekommen. Die steht da auch.

ED: Was hat Dich bisher am meisten in Berlin beeindruckt?

ML: Puh, da gibt es so viel. Vor allem die Gebäude. Man spürt die Geschichte. Es gibt so viele Geschichten zu dieser Stadt. Egal, was man hier sieht… alles hat irgendwas Besonderes.

ED: Wie würdest Du das erste Viertel der Saison bis jetzt zusammen fassen?

ML: Eine total normale Reaktion eines Teams, dass viele neue Spieler und neue Trainer hat. Es macht Spaß, Bestandteil eine neuen Projektes zu sein. Ich denke, wir machen uns ganz gut, aber da geht noch mehr. Auf dem Papier haben wir ein unglaubliches Team und wir werden unseren Weg zum Erfolg finden. Dass wir demnächst mehr Heimspiele haben ist wichtig.

ED: Kommen wir zur letzten Frage. Die wichtigste von allen. Warum auch immer. Eigentlich wollten wir sie ja weg lassen, aber sie wurde eingefordert. Hast Du einen Hund?

ML: Nope. Keinen Hund. Eins meines Kinder ist extrem allergisch. Ich liebe Hunde, aber keine Chance.

ED: Danke Dir. Das waren unsere Fragen. ML: Ich danke euch. Das war klasse. Viele Fragen, tolle Fragen. Das hat Spaß gemacht.


Dieses Interview erschien zuerst in der Ausgabe 174 des Eis-Dynamo.

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