“Ich habe Berlin wirklich wahnsinnig geliebt.” – Bruno Gervais im Interview mit dem Eis-Dynamo

Zugegeben: Bruno zählte sehr schnell zu meinen Lieblingsspielern, als er 2015 in die Dienste der Eisbären eintrat. Was nicht nur an seiner Art zu spielen lag, sondern vor allem auch an seiner unglaublich offenen und sympathischen Art und seinem sozialen Engagement.

Da ich wusste, dass er sich in Quebec rumtreibt, war es natürlich naheliegend, ihn vor meiner Abreise nach Kanada anzuschreiben und zu fragen, ob wir uns treffen könnten, um ein kurzes Interview zu führen. Er sagte sofort begeistert zu, blieb nur die Frage, wann und wo wir uns treffen konnten. Er war zu der Zeit in der Fernseh-Show „Battle of the Blades“ zu sehen. Eine Show des öffentlichen kanadischen Senders CBC, der auch seit 1952 die „Hockey Night in Canada“ produzieren – die älteste noch bestehende Sportsendung der Welt.

In „Battle of the Blades“ werden Paare aus Eiskunstläuferinnen und ehemaligen Eishockeyprofis gebildet – natürlich auch anders herum – die gegeneinander antreten. Es gibt eine Jury, die wertet und ein Publikums-Voting und jede Woche muss ein Paar die Show verlassen. Gekämpft wird um viel Geld, welches am Ende einer Charity Organisation zugute kommt. In Brunos Fall war das natürlich die „Gervais-Talbot Foundation“. Mit Ekaterina Gordeeva stand ihm eine unglaublich erfolgreiche und begabte Eiskunstläuferin an der Seite, dennoch hieß es Daumen drücken und natürlich voten, was das Zeug hielt.

Denn, so lange Bruno in der Show war, lebte er in Toronto, was der perfekte Ort war, ihn zu treffen. Es hat geklappt. Er blieb in der Show und einem Treffen stand nichts mehr im Wege. Wir hatten eine Verabredung zum Mittagessen – zwischen Training und anderen Terminen. Da ich an diesem Vormittag, gemeinsam mit meinen Freundinnen, die Hockey Hall of Fame unsicher gemacht hatte, trafen wir uns bei Marché, welches im gleichen Gebäude ist. Er hatte mir im Vorfeld geschrieben, dass er nicht viel Zeit hätte. Dann verspätete er sich enorm, da das Training länger dauerte als vermutet. Meine Befürchtung, dass das ein sehr gehetztes Gespräch würde, stellte sich jedoch als unbegründet heraus. Bruno war vollkommen entspannt und wirkte, als könnte er sich noch stundenlang mit mir unterhalten.

Während er etwas aß, fragte er mich zunächst über unsere Kanadareise aus, an dessen Ende wir uns ja mittlerweile befanden. Dann unterhielten wir uns über die Show, in der er und seine Partnerin Katja zweimal hintereinander in das sogenannte Skate-Off mussten, obwohl sie von der Jury immer sehr gute Noten bekommen hatten. Aber die beiden Paare mit den wenigsten Publikumsstimmen müssen gegeneinander antreten und werden dann von der Jury bewertet. Das schlechtere Paar fliegt raus. Es war also zweimal sehr knapp und auf meine Frage, woran das denn liegt, dass sie so wenig Publikumsstimmen bekommen, bekam ich die trockene Antwort, dass er aus Quebec kommt. „Sie haben uns vorher gesagt, dass es schwer für uns wird. Ich bin aus Quebec, Katja aus Russland. Die Show wird an beiden Orten nicht geguckt.“ Es stellte sich heraus, dass das französisch-sprachige Quebec sich keine englischen Fernsehsendungen anschaut. Okay, die Ignoranz der Franzosen ist also im Laufe der Jahrhunderte nicht verloren gegangen.

Wir redeten noch eine Weile über die Show, dessen Teilnahme ihm sichtlich Spaß machte. Er schwärmte in den höchsten Tönen von seiner Partnerin und erzählte, dass es zwar unglaublich anstrengend war, aber eben auch sehr viel Spaß machte.

Dann war er es, der das Gespräch auf die Eisbären lenkte. Er fragte, wie es denn in Berlin lief, wobei sich schnell heraus stellte, dass er zumindest in Bezug auf die neuen Franko-Kanadier im Team bestens informiert war. Sehr erstaunt zeigte er sich aber, als ich ihm von Lukas Reichel erzählte. Dass Lapierre an seiner Seite ist, erinnerte Bruno an seine eigene Zeit bei den Eisbären, wo der damals 20 jähriige Jonas Müller meistens an seiner Seite spielte. Er hält nach wie vor Kontakt zu einigen der ehemaligen Jungs, vor allem zu Julian Talbot, Micki DuPont und Spencer Machacek. Als er sich noch nach einigen anderen Spielern erkundigte, stellte er fest, wie sehr sich das Team verändert hat. Aber er verfolgt nach wie vor über Twitter und Instagram, was in Berlin passiert.

Es wird schnell deutlich, dass Berlin ihn nicht los lässt. Er erzählt mir, dass er eine Reise mit seinem Sohn plant, wenn der etwas älter ist. Er will ihm Berlin zeigen. Aber erstmal zeigt er mir ein Video, welches seine Frau ihm geschickt hat, in dem seine mittlerweile drei Kinder morgens wild durch die Wohnung tanzen. Seinen Sohn kennen wir ja in Berlin, seine erste Tochter ist hier geboren und mit der zweiten war seine Frau schwanger, als sie zurück nach Kanada gegangen sind. Drei kleine Wirbelwinde, die er über alles liebt.

Wenn er nicht grade „Battle of the Blades“ macht, arbeitet er als Analyst für RDS, einem französischsprachigen Fernsehsender mit Sitz in Montréal. Das umfasst 130 Tage im Jahr. Daneben arbeitet er als Trainer in der Juniorenliga, in der auch er groß geworden ist. Letztes Jahr hat er die „Pee-Wees“ trainiert (10 und 11 Jahre alt), dieses Jahr die 12 bis 14-jährigen, als Assistent von Pascal Trépanier. Nebenher kommentiert er auch noch im Radio. Dann hat er ja noch drei Kinder und seit kurzem eine neue, eigene Show gemeinsam mit seinem langjährigen besten Freund Max Talbot, de vorrangig als Podcast veröffentlicht wird. Schwer beschäftigt, der Mann.

Vor kurzem hat er außerhalb von Montréal ein Haus gebaut, wo sich die Familie final ansiedeln wird. Der Umzug ist für diesen November, Dezember geplant. Vorher ist Bruno nicht wirklich zur Ruhe gekommen, auch nach dem Ende einer Karriere, denn sein Plan war ein vollkommen anderer. „Während meines ersten Jahrs in Berlin habe ich meiner Frau gesagt, dass wir für mindestens zehn Jahre in Berlin bleiben.“ Er hatte sich so in die Stadt verliebt, dass er seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlegen wollte. Dann kam die Verletzung, die alles änderte. Es war erst sein zweites Jahr in der Stadt und er hatte noch nicht genug Kontakte, um einen anderen Job in Berlin zu finden. „Ich habe mich zwar etwas umgeschaut, aber mit drei Kindern brauchst Du einfach einen Job. Ich hatte ja gedacht, dass ich noch ein paar Jahre spielen kann. Ich habe Berlin wirklich wahnsinnig geliebt.“ Er erzählt, dass er alles darauf ausgerichtet hatte, in Berlin zu bleiben. Er hat angefangen, deutsch zu lernen und angefangen, ein Netzwerk aufzubauen. Aber das braucht Zeit und die hatte er plötzlich nicht mehr. Aus Kanada hatte er einige Angebote, also blieb ihm nichts anderes übrig, als zurück zu gehen und mittlerweile hat er auch seinen Frieden damit gemacht.

Allerdings reißt das Treffen mit mir alte Wunden auf, erinnert es ihn doch an die Jahre in Berlin. Am Schluss der Gespräches fragt er mich, was wir an dem Tag noch vorhaben, schließlich war in Kanada Thanksgiving. Da wir essen gehen wollten, landete das Gespräch wieder mal bei dieser ominösen Poutine, welche er ja auch über alles liebt und er beglückwünschte uns zu unserer Wahl, sie bei La Banquise in Montréal gegessen zu haben. „Kennst Du Burgermeister?“, fragt er dann. „Ich habe nie wieder in meinem Leben einen so guten Burger gegessen. Ich vermisse Burgermeister wirklich.“ Dann fängt er nochmal an, von Berlin zu schwärmen, von der Mentalität, der Offenheit, der Vielfalt und unterbricht sich irgendwann selber, weil er merkt, dass es ihn sentimental macht. Mit der festen Absichtserklärung, spätestens in zwei Jahren wieder nach Berlin zu kommen, um seinem Sohn die Stadt zu zeigen.

Sanne


Dieses Interview erschien zuerst in der Ausgabe 174 des Eis-Dynamo.

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