“Eigentlich war der Plan: Erstmal nach Berlin und dann rüber in die Junior League nach Kanada.” – Lukas Reichel im Interview mit dem Eis-Dynamo

Eis-Dynamo (ED): Geboren bist Du in Nürnberg. Eishockey spielen gelernt hast Du in Frankfurt und Rosenheim. Das war ja vorgegeben durch die beruflichen Stationen Deines Vaters Martin. Bei Deiner Familie stellt sich nicht die Frage, wieso Du Eishockey spielst. Eher: gab es mal eine Phase, wo Du dachtest, dass Du was völlig anderes machen willst?

Lukas Reichel (LR): Eigentlich nicht. Es gab nur einmal ganz kurz die Überlegung: Fußball oder Eishockey? Da war ich dreizehn, vierzehn und hab auch Fußball gespielt und das gar nicht mal so schlecht. Aber letztendlich stand Eishockey immer im Vordergrund und so bin ich dann doch dabei geblieben.

ED: Gab es denn Druck von der Familie, dass Du beim Eishockey bleiben sollst?

LR: Nein, aber ich hab natürlich gemerkt, dass mein Dad mehr für Eishockey brennt. Aber meine Eltern haben mich bei beiden total untzerstützt und überall hingefahren. Aber beim Eishockey zu bleiben war dann auch die richtige Entscheidung, denke ich. (grinst)

ED: 2018 bist Du nach Berlin gekommen. Wieso hierher? Es gab ja sicherlich noch andere Optionen.

LR: Berlin hat mich einfach als erstes kontaktiert. Ich hab viel mit Stefan Ustorf gesprochen und als sie mich gefragt haben, ob ich nach Berlin wechseln will, hab ich mir hier alles angucken können. Die Halle, die Trainingsbedingungen, das ganze drumherum. Das hat mir sehr gut gefallen.

ED: Und warum überhaupt der Wechsel?

LR: Berlin, Mannheim und Köln sind in Sachen U20 und Nachwuchs die besten Standorte, auch was die Kombination von Training und Schule betrifft. Und da kann man sich am Besten weiter entwickeln.

ED: Hat auch eine Rolle gespielt, dass Du an einem der drei Standorte mehr im Schaufenster stehst. Gerade im Bezug auf den NHL-Draft?

LR: Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nie gedacht, dass ich jetzt schon in der DEL spiele. Eigentlich war der Plan: Erstmal nach Berlin und dann rüber in die Junior League nach Kanada. Hier zu stellte sich ja dann als eine gute Entscheidung heraus.

ED: Wir können uns auch nicht erinnern, dass ein so junger Spieler es geschafft hat, im Handumdrehen einen Stammplatz im DEL-Kader der Eisbären zu erspielen. Respekt dafür. Was viele überrascht ist, dass Du eine unglaubliche Souveränität auf dem Eis hast. Hast Du eine Erklärung für diese Gelassenheit, die Du ausstrahlst? Oder wirkt das einfach nur so?

LR: Keine Ahnung. Die Mannschaft und meine Reihenkollegen machen natürlich auch viel aus. Wir reden viel auf dem Eis, unterstützen uns gut. Es klappt mit Lapierre und Olver einfach gut, vielleicht wirkt das deswegen so.

ED: Wir haben ja für das letzte Heft mit Maxim gesprochen und natürlich auch über Dich gesprochen. Für ihn ist es ja eine außergewöhnliche Situation, jemanden an der Seite zu haben, der halb so alt ist wie er selber (Lukas lacht los). Er hat sehr von Dir geschwärmt. Wie wichtig ist er für Dich? Wie würdest Du euer Verhältnis beschreiben?

LR: Wir verstehen uns einfach sehr gut. Er ist natürlich der Erfahrene, ich muss noch viel lernen. Er hat das mit der NHL ja selber alles schon durchgemacht und weiß einfach, wovon er redet. Und er weiß, wie er mich dazu bringen kann, dass ich auch irgendwann in der NHL spielen kann. Er gibt mir viele Tipps, redet viel mit mir und das bringt mich sehr weiter.

ED: Auf dem Eis sehen wir es ja. Maxim ist sowohl defensiv als auch offensiv sehr verantwortungsbewusst, wo Du Dir sicher viel abschauen kannst. Aber wie sieht es neben dem Eis aus? Geht ihr in der Kabine nochmal einzelne Situationen duchr? Oder gibt er Dir eher allgemeinere Tipps?

LR: Wir sitzen in der Kabine nebeneinander. Situationen durchgehen machen wir jetzt nicht unbedingt zusammen, das mache ich mit dem Coach. Das ist eher… (überlegt) Wenn wir zum Beispiel ein schlechtes Spiel hatten und am nächsten Tag ist Training. Dann versucht er, mich aufzubauen, dass ich gute Laune bekomme. Spielsituationen sagt er mir eigentlich immer gleich auf der Bank. Aber wir reden auch viel über andere Sachen, nicht nur über Eishockey.

ED: Er sagte auch im Interview, dass er Dir in Sachen Skills nichts mehr beibringen muss, sondern den Fokus eher auf das Mentale legt.

LR: (nickt und grinst dann) Einen Move habe ich mir aber von ihm abgeguckt.

ED: Welchen?

LR: Im Drehen von der Vorhand auf die Rückhand wechseln. Ich glaub, gegen Iserlohn hab ich den das erste Mal probiert und es hat geklappt.

ED: Man merkt immer mal wieder auf den Eis, dass Du schneller denkst als andere Spieler, vor allem Deines Alters. Sind das reine Instinkthandlungen oder ist das schon sehr bewusst?

LR: Naja, es ist ja so, dass ich körperlich noch nicht so weit bin. Da muss ich mich halt besser anstellen und schlauer denken. Vor allem auch, wenn es darum geht, Zweikämpfe zu gewinnen. Und das klappt ganz gut.

ED: Du hast die NHL ja selber schon erwähnt. Man kann sicher davon ausgehen, dass Du im nächsten Draft dabei sein wirst. Machst Du Dir darüber schon Gedanken?

LR: Im Hinterkopf hab ich es schon. Das war schon immer mein Traum, in den Draft zu kommen und irgendwann NHL zu spielen. Aber während der Spiele zu Beispiel, denke ich nicht darüber nach, dass da jetzt Scouts auf der Tribüne sitzen. Da will ich einfach Spaß haben und mein Spiel spielen.

ED: Kommen die Scouts denn nach dem Spiel zu dir?

LR: Ja, meistens schreiben sie mir vorher eine SMS oder eine Mail, wann wir uns treffen können und nach dem Spiel ist eigentlich immer der beste Moment.

ED: Ist es denn ein Thema für Dich, in welcher Runde Du gedraftet wirst. Neulich in einem Podcast von Hockey News hat man dich in der ersten Runde gesehen. Oder ist es Dir egal. Nach dem Motto: Hauptsache gedraftet.

LR: Je höher, desto besser ist es natürlich. Erste Runde wär natürlich ein riesen Ding. Klar, durchsetzten muss man sich letztlich so oder so. Aber ich denke, dass man mehr Chancen hat, wenn man gleich in der ersten Runde ausgewählt wird.

ED: Dein Agent war neulich da. Habt ihr da schon angefangen, Dinge in Bezug auf den Draft durchzuplanen?

LR: Er hat mir erzählt, wie das da abläuft. Dass es Krafttests gibt und wie ich mich darauf vorbereiten kann. Und, was ich in den Interviews sagen sollte, was für Fragen da gestellt werden. Da hat er mir einige Unterlagen gegeben, die ich mir noch durchlesen muss.

ED: Die U20-WM kommt in Bezug auf den Draft ja auch zum richtigen Zeitpunkt. Du bist nominiert und wirst auch mitspielen. Zusammen mit John-Jason Peterka und Tim Stützle, die auch auf den Zetteln der Scouts stehen und sehr gute Chancen auf einen Draft haben. Diese große Bühne zu haben und euch beispielsweise im direkten Vergleich mit gleichaltrigen kanadischen Spielern zu präsentieren, gibt euch ja die Möglichkeit, euch noch etwas mehr in den Fokus zu spielen.

LR: Klar ist das für uns drei gut und auch wichtig. Die Möglichkeit des direkten Vergleiches mit Spielern unseres Jahrgangs aus Kanada oder Tschechien ist natürlich optimal. Aber wichtiger ist das Team und dass wir gut abschneiden. Wir haben ein sehr gutes Team mit viel Potential und wollen oben mitspielen.

ED: Beim Thema NHL und dem Namen Reichel kommt man natürlich unweigerlich auf Deinen Onkel, der 830 Spiele in der Liga absolviert hat. Wie stark ist sein Einfluss auf Dich? Habt ihr viel Kontakt?

LR: Im Augenblick leider weniger. Früher waren wir oft in Tschechien und haben die Familie besucht. Im Augenblick ist es schwierig. Er hat viel zu tun, ich hab viel zu tun. Aber ich hoffe, dass ich ihn bald mal wieder sehe. Er kann mir auf jeden Fall auch noch einiges an Tipps mit auf den Weg geben.

ED: Er hat ja auch für verschiedene Teams gespielt und kann Dir zu den Clubs sicherlich auch noch was sagen. Wir wissen ja alle, der Draft ist kein Wunschkonzert, aber wenn Du es beeinflussen könntest, welcher Verein sollte es denn dann sein?

LR: Chicago Blackhawks. Das ist schon eine Weile mein Lieblingsteam. Hauptsächlich wegen Patrick Kane. Und die Stadt ist gut.

ED: Du hattest ja schon gesagt, dass es immer Dein Traum war, in der NHL zu spielen. Den haben viele und für viele bleibt es eben auch nur ein Traum. Ab wann war Dir klar, dass Du, wenn Du Dich ordentlich rein hängst, wirklich das Zeug dazu hast?

LR: Eigentlich erst diese Saison. Ich bekomme einfach von allen das nötige Vertrauen. Von den Trainern und von meinen Mitspielern. Da war mir klar, dass, wenn ich eine gute Saison spiele, ich meinem Traum einen großen Schritt näher kommen kann. Und bis jetzt bin ich ganz zufrieden.

ED: Wir auch. (Gelächter) Wir haben es bei Maxim auch angesprochen. Ihr seid eine leicht zu spielende Reihe. Jeder, der zu euch beiden dazu kommt, funktioniert. Leo hatte zum Beispiel einen schwierigen Start in die Saison. Dann kam er zu euch und hat auch gleich gepunktet. Da bei Maxim und Dir die Chemie sehr gut passt, hat der dritte Spieler es sehr einfach mit euch.

LR: Maxim und ich versuchen einfach immer gemeinsam, den dritten Stürmer freizuspielen. Und egal, ob Leo oder Ortega oder wer auch immer. Die können ja Tore schießen. Maxim und ich können uns gut gegenseitig motivieren und nehmen den dritten Stürmer dann einfach mit, egal, wer es ist.

ED: Gab es, jenseits Deiner Familie, noch andere Vorbilder für Dich in Deiner noch jungen Eishockeykarriere?

LR: Eigentlich nicht. Früher haben wir NHL 07 auf der Playstation gespielt, da war immer Joe Sakic mein Favorit. Ich hab ihn nie in echt spielen gesehen, ich fand ihn einfach nur cool. (lacht) Aber ein Vorbild hatte ich nicht.

ED: Du warst zweimal in Folge Spieler des Monats bei den Eisbären. Was bedeutet Dir dieser Rückhalt der Fans?

LR: Das ist natürlich eine totale Ehre. Von Anfang an habe ich mich immer gut gefühlt. Ich musste nie Angst haben, dass ich mich den Fans gegenüber beweisen muss, sondern ich wurde von Anfang an unterstützt: Das gibt einem natürlich Selbstvertrauen. Aber Leo hatte es jetzt auch verdient. Und ich freu mich natürlich auch für ihn.

ED: Steckt das Trainerteam Dich ab und zu in Situationen, in denen Du Dich mehr beweisen musst? Im Powerplay zum Beispiel hast Du Anfangs meist halbrechts auf der Position gespielt. Warst dann aber plötzlich öfter auch mal an anderer Stelle zu finden. Wird das bewusst gemacht, um bestimmte Dinge raus zu kitzeln und zu fördern?

LR: Ich bin jetzt auch bei fünf gegen fünf öfter vor dem Tor oder im Slot und nehme dann auch mal dreckige Tore mit. Letzte Saison hab ich zwölf Tore oder so geschossen, weil ich einfach selten in der Position war. Und ja, dass ist die Entscheidung von Serge Aubin.

ED: Vielleicht ist es ein subjektiver Eindruck. Kann es sein, dass der Coach Dich ab und zu auch schützt und deswegen raus nimmt? Insbesondere, wenn Spiele hart und nicklig werden?

LR: Ne, das stimmt schon. Gegen Nürnberg war so ein Spiel, zum Beispiel. Da hatte ich nur vier Minuten Eiszeit. Manchmal müssen das die älteren Spieler regeln, die Erfahrung haben und natürlich auch härter spielen. Ich bin halt körperlich noch nicht so weit, um auch mal Checks zu fahren oder zu nehmen.

ED: Im Spiel gegen Chicago hast Du ja das erste Mal erlebt, wie sich so ein NHL-Check anfühlt.

LR: (lacht) Ja, da hab ich ein ganz schönes Brett bekommen. Der Spieler hat sich danach aber auch entschuldigt. Und ich war dann wach. (lacht nochmal)

ED: In nächster Zeit liegt bei Dir dann sicherlich ein Fokus auf Krafttraining und Körper. Oder?

LR: Ich mache viel mit unserem Fitness-Coach. Ich trainiere viel für Oberkörper und Arme. Und auch beim Essen guckt er mittlerweile darauf, was ich esse. Er weiß einfach sehr genau, was er tut. Ob Ernährung, Regeneration oder Training.

ED: Stefan Ustorf hatte mal gesagt, dass Du eher ein Spielmacher bist, dann hast Du plötzlich angefangen, Tore zu schießen. Dann waren die Tore weg, dafür kamen wieder die Vorlagen? Was bist Du? In welcher Rolle siehst Du Dich selber?

LR: Spielmacher. Aber durch die Arbeit mit dem Coach klappt das andere halt inzwischen auch ganz gut.

ED: Ist Deine Rückennummer ein Hommage an Deinen Vater, der ja mit der 22 gespielt hat.

LR: Ja. Ich hab sie einfach verdoppelt. (lacht)

ED: Kommen wir zur wichtigsten Frage des gesamten Interviews. Hast du einen Hund?

LR: Hund? (lacht) Nein, ich hab keinen Hund. Ich hab aber einen Hamster zu Hause.

ED: Wie heißt der?

LR: CJ. (grinst) Der gehört aber nicht mir, sondern meinem Bruder und seiner Freundin. Aber mein Bruder ist ja in Weißwasser, deswegen ist der bei mir.

ED: Und wo ist die Freundin?

LR: Auch bei mir. Sie wohnt bei uns, arbeitet aber den ganzen Tag und an den Wochenenden fährt sie nach Weißwasser.


Dieses Interview erschien zuerst in der Ausgabe 175 des Eis-Dynamo.

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