Zahlen bitte: Jodoin vs. Richer – Die Bilanz nach 10 Spielen

Seit zehn Spielen ist Stéphane Richer nun Trainer der Eisbären Berlin, wir ziehen Bilanz und vergleichen die ersten zehn Spiele unter Richer, mit den Daten seines Vorgängers.
(„Zahlen bitte“ wird eine unregelmäßige Kategorie auf #Hauptstadeishockey, in der wir auf interessante Statistiken schauen und sie verständlich für Euch aufarbeiten wollen.)

Am 19.12.2018, einen Tag nach der 2:5 Niederlage gegen die Thomas Sabo Ice Tigers, wurde Clément Jodoin von den Eisbären entlassen. Was im ersten Moment wie eine Kurzschlussreaktion nach dem Motto „Wir müssen jetzt irgendwas machen“ wirkte, stellte sich als genau diese heraus. Unter Stéphane Richer haben sich die Eisbären nicht stabilisiert. Die Bilanz mit nur einem Sieg nach 60 Minuten und insgesamt neun Punkten ist schlecht.
Richer übernahm die Eisbären nach 29 Spielen auf dem neunten Platz, mit neun Punkten Vorsprung auf Tabellenplatz 11. Platz sechs war mit sechs Punkten nicht soweit entfernt. Mittlerweile sind es 13 Punkte Rückstand auf Bremerhaven und die direkte Qualifikation für die Playoffs ist in weiter Ferne.

Schussverhältnis

Zum Zeitpunkt von Jodoins Entlassung hatten die Eisbären das drittbeste Schussverhältnis der Deutschen Eishockey Liga. Schüsse sind im Eishockey ein Indikator für Puckbesitz. Grundsätzlich sagt man, eine Mannschaft die im Verhältnis zu anderen Mannschaften viel schießt, hat logischerweise auch häufig den Puck. Es gibt zwei Werte die das ausdrücken können. Corsi For Percentage (CF%), wo alle Schüsse auf und neben das Tor, sowie geblockte Schüsse, erfasst werden und Fenwick For Percentage (FF%) wo nur die Schüsse auf und neben das Tor gewertet werden. Egal ob Corsi oder Fenwick, ein Wert über 50% sagt aus, dass diese Mannschaft häufiger im Puckbesitz ist als ihre Gegner. Sehr gute Mannschaften befinden sich im Bereich 55% und darüber.
Nur Mannheim mit 58% CF% und München mit 55% CF% waren zum Zeitpunkt der Trainerentlassung besser als die Eisbären (52% CF%). Die Berliner kontrollierten also häufiger die Scheibe und brachten sich so in die Position Spiele zu gewinnen.
In den ersten zehn Spielen unter Richer ist dieser Wert nun auf 49% gefallen. Damit befinden sich die Eisbären in diesem Zeitraum nur noch auf dem achten Platz. Für eine Mannschaft, die unbedingt Punkte braucht und Spiele gewinnen muss, ist das zu wenig. Es zeigt aber auch, dass der Eindruck, die Eisbären würden nun offensiver agieren täuscht.

Special Teams

Gute Special Teams können gerade in engen Spielen entscheidend sein. Bei der Über- und Unterzahl zeigt sich wirklich ein gravierender Unterschied zwischen den beiden Trainern.
Die Powerplay-Quote ist von 18,5% auf 17% gefallen. Die Unterzahl-Quote hat sich von 87% auf 72% verschlechtert!
In der Addition von Über- und Unterzahl streben viele Mannschaften einen Wert von 100 an. Sehr gute Mannschaften haben im Saisonverlauf einen Wert über 105. Zum Zeitpunkt von Jodoins Entlassung hatten die Eisbären einen Wert von 105,5. In zehn Spielen unter Richer nur noch 89. Den sechs Powerplay-Toren stehen neun Tore in Unterzahl gegenüber.

Die Heatmap von Patrick stellt die Schüsse der Eisbären in Überzahl dar. Links in rot sehen wir die Schüsse vor dem Trainerwechsel, rechts die Schüsse seit Richer Trainer ist. Je dunkler das Feld, desto häufiger wird aus diesem Bereich geschossen.
Es fällt sofort auf, dass die Eisbären unter Jodoin viel häufiger aus dem Slot, dem gefährlichen Bereich vor dem Tor, geschossen haben. Seit zehn Spielen werden viele Schüsse von der blauen Linie und den beiden Bullykreisen abgegeben. Generell war das Powerplay vor dem Trainerwechsel vielseitiger.
Desolat ist allerdings der Unterschied im Penaltykill. In der bisherigen Saison musste nur Krefeld häufiger in Unterzahl spielen als die Eisbären. Insgesamt 194 Mal waren die Eisbären mit mindestens einen Mann weniger auf dem Eis. Im Schnitt müssen die Eisbären fünfmal pro Spiel ins Penaltykilling. Das hat sich auch unter Richer nicht verändert.
Allerdings ist die Berliner Unterzahl um 15% schlechter geworden. Schaut man sich das Penaltykilling unter Richer an, stellt man relativ schnell fest, dass die Eisbären sehr passiv agieren. Sie spielen eine sehr enge Box vor dem eigenen Tor – die Verteidiger kleben fast am Torraum und die Stürmer bewegen sich nur in seltenen Fällen in Richtung Bullykreis oder hoch zur blauen Linie, um Druck auf den Puck auszuüben. Unter Jodoin waren sie deutlich aggressiver. Ein Spieler hat Druck auf die Scheibe gemacht, ein weiterer blieb in der Nähe als Unterstützung. Zum Saisonbeginn führte dies zu vielen Gegentoren in Unterzahl, doch nach und nach entwickelten die Spieler das richtige Timing, sodass die Berliner Unterzahl zum Zeitpunkt von Jodoins Entlassung das drittbeste Penaltykilling der Liga war.

Eiszeit Management

Vor einiger Zeit hörte ich einen Podcast. Ich habe leider vergessen, welcher Podcast es war, aber das Thema worüber gesprochen wurde, blieb mir im Kopf. Es ging darum, dass gute Coaches darauf achten, die Eiszeit auf ihre Spieler zu verteilen. Unerfahrene oder schlechte Coaches tendieren dazu, besonders in engen Spielen, immer wieder dieselbe Reihe oder dasselbe Verteidiger-Duo aufs Eis zu schicken. Die Gefahr besteht natürlich darin, dass Spieler überspielt werden, sie in entscheidenden Phasen müde sind – nicht allein körperlich, sondern auch mental.
In der DEL wird seit dieser Saison die Eiszeit der Spieler erfasst. Wir haben also die Möglichkeit zu schauen, wie gewisse Spieler eingesetzt werden. Wie wichtig sind sie für einen Coach, spielen sie viel in den Special Team etc. Louis-Marc Aubry ist zum Beispiel der Go-To Guy in Unterzahl. Über drei Minuten spielte er im Schnitt pro Spiel im Penaltykilling. Mit insgesamt fast 131 Minuten Eiszeit allein in Unterzahl führt er das Team an.
Bleiben wir bei Aubry. Seine Eiszeit ist in den letzten zehn Spielen von 16:43 Minuten auf 20:59 Minuten, um ca. vier Minuten pro Spiel gestiegen. Absolut führend ist aber Micki DuPont. Mit 38 Jahren hat er bereits über 911 Minuten in dieser Saison gespielt. Schon unter Jodoin war er der Spieler mit der meisten Eiszeit, im Schnitt 22 Minuten pro Spiel. Unter Richer spielt DuPont nun 26 Minuten pro Spiel. Jonas Müller spielt, seit Richer Trainer ist, im Schnitt acht Minuten weniger als DuPont. Warum ausgerechnet Jonas Müller in den letzten zehn Spielen deutlich weniger Eiszeit als DuPont und Frank Hördler (22 Minuten pro Spiel) bekommen hat, ist ein großes Fragezeichen. Vor allem wenn es darum geht, mit Puckbesitz in die gegnerische Zone zu kommen und Chancen zu kreieren, ist Müller eigentlich die beste Option hinter DuPont. Außerdem bleibt weiter die Frage, warum Richer weiter auf das Paar Hördler-Adam setzt, welches in zehn Spielen besonders im Übergang von Offensive zu Defensive keine große Chemie aufgebaut hat? Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

2 Gedanken zu „Zahlen bitte: Jodoin vs. Richer – Die Bilanz nach 10 Spielen

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