„Das ist nicht der optimale Weg!“ – Hardy Gensel im Interview mit dem Eis-Dynamo

Da der DEB für den Nachwuchsbereich einschneidende Veränderungen beschlossen hat, die ab dieser Saison
wirksam werden, traf sich anath (ED) mit Hardy Gensel (HG). Als Sportlicher Leiter für den Bereich der unteren
Altersklassen schien er uns derjenige zu sein, der uns am besten erklären kann, was da eigentlich gerade passiert.

ED: Hallo Hardy! Schön, dass du die Zeit gefunden hast, dich mit dem Eis-Dynamo zu treffen! Anlass für unser Treffen ist ja die Altersumstrukturierung im Juniorenbereich. Kannst du uns mal ganz einfach und simpel erklären, was da jetzt eigentlich passiert ist?

HG: Also das ist jetzt schon die zweite Umstrukturierung. Man hatte die Jahrgänge ja schon einmal „eingefroren“. Allerdings hatte das damals auch wirklich Sinn. Da hatte ein Trainer aus Krefeld den Vorschlag gemacht, die Jungs in der obersten Altersgruppe, der DNL sollten in dieser Zeit auch die Möglichkeit haben, ihr Abitur zu beenden. Das heißt, die Jungs konnten Eishockey spielen und hatten dann drei Jahre lang Zeit, eine Lehre oder eben das Abi zu beenden. Und jetzt, nach acht oder zehn Jahren, kommt die zweite Umstrukturierung. Der DEB will sich international den Jahrgängen anpassen.

ED: Heißt konkret?

HG: Also das deutsche Eishockey ist ja in meinen Augen in einer permanenten Sondierung. Und das lähmt uns, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Dafür schaut man ganz oft, was andere Nationen machen. Ist ja auch in Ordnung, nur muss man dann vielleicht auch mal in sich gehen und mal die Frage stellen, was man tatsächlich ins deutsche Eishockey übertragen kann und was vielleicht kontraproduktiv ist. Nur weil der Schwede, der Finne, der Tscheche und der Schweizer das kann, heißt das doch noch lange nicht, dass ich das hier in Deutschland logistisch auch kann! Da hat man wohl gedacht: ‚Oho, das ist möglicherweise der Grund für den Erfolg anderer Nationen!‘. Es ist so gedacht, dass ab der Altersklasse U8 Jahrgangsmannschaften spielen. U8, U9, U10 und so weiter. Und ab U14 sucht man aus der breiten Basis dann die Besten aus. Nationen wie Finnland oder Tschechien können sich das locker leisten, weil sie so viele Kinder im Eishockey haben! Dort ist Eishockey Volkssport. In Deutschland ist es noch nicht möglich, aus einem Jahrgang eine Mannschaft zu bilden. Dazu bräuchte ich ja mindestens 30 Kinder. Aber auch in Finnland oder der Schweiz geht man in eine Selektion wenn es um Leistungssport geht. Und dann werden auch wieder zwei Jahrgänge zusammengeschlossen: U16, U18, U20!

ED: Und jetzt soll es bei uns auch so laufen? Mit einer Mannschaft in jedem Jahrgang?

HG: Naja, wir sind jetzt in die ungeraden Jahrgänge gerutscht. Wir hatten U8, U10 usw., jetzt haben wir U9, U11… Bis zur U17, die ist dazu gekommen und neu. Das bedeutet zusätzliche Belastungen der Struktur, aber auch der Finanzen und des Trainingsbereichs. Wir haben eben eine Altersklasse mehr!

ED: Hm…Ich versuche mal zu sortieren: Die U6 gibt es nicht mehr, dafür U7, und es gibt praktisch eine Altersklasse und somit eine Mannschaft mehr im Juniorenbereich?

HG: So hat man sich das gedacht.

ED: Und wenn die Kinder früher mit vier oder fünf Jahren zu uns kamen, dann waren sie U6 und gingen dann nach dem sechsten Geburtstag in die U8. Und jetzt bleiben sie ein Jahr länger dort?

HG: Wir haben mit der U6 angefangen, aber das haben viele andere Vereine ja gar nicht. Und aufgrund unseres immensen Zulaufs kommt es natürlich jetzt zum Stau. Wir hatten ja unsere bestehenden Jahrgänge. Und jetzt müssen wir Kindern und auch Eltern sagen: ‚Du, wir sind voll belegt!‘ und müssen sie nach Hause schicken! Und vielleicht schicke ich gerade die größten Talente wieder weg!

ED: Was heißt denn das für die Trainer, vor allem in den unteren Altersgruppen?

HG: Ganz schwierig! Wir müssen ja auch Eiszeiten für diese Altersklassen kriegen und das bei unseren begrenzten Eisflächen! Für die U7 müssen wir sozusagen „springen“, manchmal müssen sie zusammen mit der U9 auf’s Eis. Es kann passieren, dass wir 120 Kinder auf dem Eis haben. Und da geht dann gar nichts mehr! Ein sinnvolles Training ist da kaum möglich. Von der nervlichen Belastung für Trainer und Betreuer rede ich mal gar nicht erst, das kann sich jeder selbst vorstellen.

ED: Und das soll jetzt ein Dauerzustand werden?

HG: Tja… Man soll ja immer offen sein für neue Dinge. Wenn eine neue Testbatterie raus kommt, dann sind auch immer alle erstmal misstrauisch. Man kann den Dingen ja mal eine Chance geben. Schön wäre nur, wenn wir diesen Test dann auch über mehrere Jahre behalten. Bei dieser Umstrukturierung würde mich aber dann doch interessieren, so nach den ersten beiden Quartalen, wo die Evidenz ist! Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir die Einzigen sind, die so große Probleme haben.

ED: Bei den Kleinen scheint es ja sehr problematisch zu sein. Wie wirkt sich diese Umstrukturierung denn jetzt auf die oberen Altersgruppen aus?

HG: Also vorher war das so: Ab der Altersklasse U14 warst du auf dem SLZB (Anmerkung ED: Sport- und Leistungszentrum Berlin). Die 7. und 8. Klasse war praktisch die Mannschaft U14, die Knaben. Die 9. und 10. Klasse die U16, also die Schüler. Klasse 11,12, 13 dann die DNL. Das heißt, man konnte im Klassenraster auch das Sportraster bilden und die Schule ist mit ihren Trainingszeiten auch darauf eingestellt. Die Fußballer, Handballer, Basketballer, die ja in den Klassen zusammen mit unseren Eishockeys sind, haben dieses Raster auch. Und die Mannschaften waren den ganzen Tag zusammen. Jetzt, nach der Umstrukturierung, müsste die 6. und 7. Klasse, also teilweise noch Grundschule, mit der 8. und 9.Klasse kompatibel sein. Und die wiederum mit dem Abiturbereich. Und das ist nicht möglich. Das geht einfach nicht. Alleine schon deshalb, weil Grundschule und Sekundarstufe nicht miteinander harmonieren. Und mich wundert, dass wir immer so eindimensional schauen. Immer nur Eishockey, Eishockey! Ich kann mir doch auch innerhalb des Landes von anderen erfolgreichen Mannschafts-Sportarten Eindrücke holen! Wie macht es denn der Fußball? Wie macht es Handball? Die trainieren nämlich genau nach diesem Raster: 7./8. Klasse, 9./10. Klasse! Die haben eine U14 und eine U16! Als wir zu den Vorgesprächen bei DEB und Landessportbund waren, wurde ganz klar gesagt, dass sich das SLZB als beste Entwicklungsmöglichkeit für junge Sportler etabliert hat, im Gegensatz zu den Eliteschulen, die die in Bayern haben. Diese Eliteschulen sind sozusagen sportbegleitende Schulen. Man hat da die Möglichkeit, Schule und Sport in Einklang zu bringen. Da sind dann vielleicht drei Sportler in der 7.Klasse, zwei in der 8., und so fort. Und dann sieht man zu, dass diese Sportler eine Trainingszeit bekommen. Aber das ist nicht der optimale Weg! Optimal wäre es so, wie es am SLZB läuft, wo das Training in den Unterricht integriert ist. Und dann frage ich mich: Was ist denn eigentlich der Maßstab? Man muss eben auch mal so ehrlich sein und sagen: ‚Vielleicht ist es Berlin! Obwohl es nicht in Bayern liegt.‘ Vielleicht ist es ja auch Mannheim, aber wenn ich es aus schulischer Sicht sehe, mit dieser ganzen Infrastruktur, dann sollte doch jeder Standort so ähnlich sein wie Berlin! Aber dann müsste man ja die Größe haben und sagen: ‚Aha! Deswegen gelingt es euch mit nur einer Eishalle sowohl den oberen Bereich U15 bis U20 abzudecken, nämlich am Vormittag, und den unteren Bereich eben am Nachmittag. Und das schafft ihr also mit dieser Schule und mit diesem Schulsystem!‘.

ED: Welche Strategie haben die Juniors denn jetzt im Bezug auf diese Umstrukturierung? Irgendwie muss ja
Training stattfinden.

HG: Natürlich trainieren wir. Wir haben vom Trainingsraster her die Jahrgänge im alten Turnus gehalten, also 7./8. Klasse zusammen und so weiter. Das ging nicht anders. Das heißt für den Trainer aber, dass er immer nur mit einem Teil seiner Mannschaft trainiert, der andere Teil sitzt gerade auf der Schulbank und hat keine Trainingszeit. Das bedeutet, der Trainer trainiert in der Woche mal mit dem und dann mit dem anderen Teil seiner Mannschaft. Und am Wochenende trifft man sich dann sozusagen zum Spiel. Logistisch ist das eine Katastrophe. Ich sitze nur noch in Besprechungen um irgendwie den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten und jedem irgendwie mitzuteilen, wo er denn nun demnächst spielt. Bis November werden es 35 Besprechungen sein! Und ganz ehrlich: Dieses Ding ist für alle Trainer der direkte Weg zum Burn out. Guck mal, ich habe nur noch Listen! Hier, hier, hier, die dort auch noch! Alles nur, um zu kontrollieren, dass wir alle Spieler regelgerecht einsetzen, und zwar so, dass sie auch die bestmögliche sportliche Förderung erhalten. Man kommt ja mit der ganzen Bürokratie gar nicht mehr hinterher. Alle Spielerpässe müssen doppelt und dreifach kopiert werden, ach, heute ich brauche ich das Trikot aber dort weil der Junge heute da spielt… Und wir als Nachwuchs fangen ja erst am 15. September an, aber jeder hier hat schlaflose Nächte weil wir nur noch Angst haben, dass uns irgendwas untergeht, vergessen wird, irgendein Sch… . Wir haben ja alle nur Nerven. Und auf gar keinen Fall dürfen die Jungs darunter leiden.

ED: Wie geht es denn den anderen Vereinen?

HG: Die meisten haben das Glück, in diesem Fall Glück, dass sie nicht auf der Sportschule sind. Ob das ein Vorteil ist, das stelle ich natürlich in Frage, aber die können ganz einfach umsteigen. Die haben eben nachmittags ab 16:00 Uhr Training und dann geht es für die normal weiter. Trifft vielleicht auch nicht auf alle zu, aber wohl auf die meisten. Dresden dagegen hat die gleichen Probleme wie wir. Deckungsgleich! Und sie haben genauso wenig eine Lösung wie wir. Wir werden mit diesem Problem komplett alleine gelassen, komplett. Es interessiert niemanden, es fragt niemand, ob wir Unterstützung brauchen. Es gibt eine Seite Papier als Vorgabe und dann: Macht mal! Und wenn wir als Trainer, die wir jeden Tag damit klar kommen müssen, schon Schwierigkeiten haben, es zu verstehen, dann versetz dich mal in die Eltern rein! Die werden doch wahnsinnig bei dem Durcheinander!

ED: Powerplay 26 steht ja für den DEB immer noch. Siehst du denn mit dieser Umstrukturierung irgendwelche Vorteile für die Entwicklung junger Spieler oder auch auf internationaler Ebene?

HG: Nein! Ich mache den Spielbetrieb ja nicht besser, weil ich die Altersgliederung umstrukturiere, sondern ich würde den Spielbetrieb besser machen, indem ich quantitativ und qualitativ mehr Spieler habe und sie auch spielen lasse. Ich weiß, worauf es hinaus läuft, man will aus der Gruppe B in U18 und U20 raus. Offenbar hält man beim DEB Eishockey für eine sehr primitive Sportart. Da kommt dann der DEB und fragt bei den Schulen an, ob man das Schulraster nicht abändern und an das Trainingsraster anpassen könnte. Und da fragt natürlich dann die Schule zu Recht: ‚Wer sind Sie nochmal? Ach…Eishockey…! Wir haben 16 verschiedene Bundesländer mit 16 verschiedenen Schulsystemen! Und wir sollen für eine einzige Sportart in allen Bundesländern das Raster anpassen? Ja, klar, das machen wir!‘ Entschuldige, das war jetzt zynisch, aber ich kann’s auch nur noch zynisch sehen.

ED: Wie wurde diese Reform denn vorbereitet? Das hat man doch sicher mit den Vereinen besprochen?

HG: Es gab eine große Sitzung. Eine! Und alle sagen ja. Aber diese ganzen Probleme, die waren damals garantiert niemandem im vollen Ausmaß bewusst. Es gibt immer Leute, die den Arm heben. Und da komme ich wieder zurück: Was ist der Maßstab?

ED: Könnt ihr nicht einfach in den alten Strukturen, wie bisher, weiter trainieren?

HG: Auch dafür gibt es Regeln. Dafür müsste ich Sportler „hochspielen“ lassen, also jüngere Spieler in einer höheren Altersklasse einsetzen. Das ist reglementiert auf vier Athleten, betrifft Spieler und auch Torhüter. Wir haben diverse Anträge an den DEB geschrieben, damit wir mehr Sportler hochspielen lassen und diese Umstrukturierung wenigstens teilweise abfedern können. Es gibt eine Sonderregelung. Es dürfen fünf hochspielen, wenn ein U16-Spieler mindestens zehn Spiele in der U18 Nationalmannschaft gemacht hat. Da muss man einfach mal realistisch sein: Der hat seine eigene Altersklasse und noch die U17 übersprungen und dann in der U18, wo es im ganzen Jahr vier Maßnahmen gibt, zehn Spiele gemacht, damit er dann als zusätzlicher Spieler hoch gezogen werden kann. Ganz klar, für wen diese Sonderregelung gebastelt wurde: Stützle aus Mannheim. Das betrifft in ganz Eishockey-Deutschland wirklich nur diesen einzigen Spieler, kein anderer hat das geschafft.

ED: Also vier dürfen immer hochspielen. Zieht ihr das durch?

HG: Vier ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber wir versuchen in allen Jahrgängen, das auch so durchzuziehen. Darum haben wir auch wöchentlich diese ganzen Sitzungen, damit uns das gelingt. Schließlich wollen wir am Ende auch dem DEB beweisen, dass zumindest wir es so gemacht haben. Aber wir nehmen damit auch in Kauf, dass wir nur noch wenige sportliche Erfolge haben könnten. Und ich hoffe, dass irgendjemand im Laufe der Saison oder nach der Saison ein Resümee zieht und dann vielleicht doch mal ein Maßstab festgelegt wird.

ED: Wenn eure jungen Sportler ständig irgendwo verteilt sind, können die eigentlich noch das machen, was eine Mannschaft ausmacht, dieses Einstehen füreinander, Freundschaften finden, als Team zusammenwachsen?

HG: Die sozialen Strukturen, die ein Mannschaftsleben eigentlich ausmachen, die sind weg, adieu! Das betrifft natürlich überwiegend uns und Dresden. Wie das in anderen Vereinen läuft, wird man sehen. Aber es betrifft sie weniger. Und das war vielleicht auch für viele ein Kriterium, der Umstrukturierung zuzustimmen: Och, uns betrifft es ja nicht! Und da bin ich wieder bei der Frage nach dem Maßstab! Fünf-Sterne-Plan gut und schön, aber woran messen wir uns? Vielleicht wurden in der letzten Saison auch zu viele Sterne vergeben? Welche Klubs nehme ich als Messlatte? Und von da aus brechen wir dann mal runter! Der DEB will mit der Umstrukturierung das zweite biologische Alter anpassen…

ED: Was, bitte, ist denn das zweite biologische Alter?

HG: (blättert in seinen Papieren) Hier steht, dass die koordinative Fähigkeit in der Altersklasse U13 abzunehmen beginnt. Dafür findet dann das größte Längen- und Kraftwachstum statt, auch die Ausbildung von Empathie, dazu eine sportbiologische Relevanz … Große Worte, aber nichts Neues. Das weiß doch jeder, dass das Größen- und Längenwachstum in dieser Altersklasse U15 stattfindet, zum größten Teil jedenfalls. Davor haben wir uns im sogenannten „Goldenen Lernzeitalter“ befunden, also zwischen dem zehnten und dreizehnten Lebensjahr, wo die Kinder eine sehr, sehr hohe Aufmerksamkeit haben, rein kognitiv gesehen. Aber damit wachsen dann auch die koordinativen Fähigkeiten. Und danach beginnt dann das Längen- und Breitenwachstum, weil dann die Pubertät einsetzt. Das wäre die erste biologische Phase. Die zweite hat früher im Übergang zur U19 stattgefunden: Breitenwachstum vor Längenwachstum. Ist doch klar, dass dann die Spieler in die Breite gehen! Weiß letztendlich auch jeder. Im Sterne-Konzept U20 steht: Bis zu diesem Spielniveau hohe Intensität und Belastungstoleranz. Und ich stelle mir die Frage, ab wann denn der Sportler ausgewachsen ist! Ab dem 21. Lebensjahr! Das lässt sich ja durch Sportuntersuchungen relativ leicht nachvollziehen. Das kann man schon ab dem 12.oder 13. Lebensjahr erkennen. Es gibt immer ein paar Jungs, die einfach länger brauchen, bis ihre körperliche Entwicklung abgeschlossen ist. Es wird immer solche Spieler geben! Aber ich kann mir doch Prognosen besorgen, die sind auch zuverlässig! Um solche Jungen in den Spielbetrieb zu integrieren, brauche ich doch keine Neustrukturierung der Altersklassen! Es liegt doch in der Kompetenz des Trainers einzuschätzen, wie weit er diesen Athleten denn schon einsetzen kann. Aber da reden wir von Einzelfällen! Das mit dem zweiten biologischen Alter, da hat man wohl noch ein wissenschaftliches Sahnehäubchen gebraucht. Aber wir ziehen uns hier alle nicht die Hosen mit der Kneifzange an!

ED: Da gibt es derzeit einen jungen Spieler bei der DEL-Mannschaft, das war damals auch so ein Winzling, aber mittlerweile ist er ein großer und sehr kräftiger, vor allem aber auch sehr erfolgreicher Spieler geworden!

HG: Jonas Müller! Oh ja, daran erinnere ich mich auch noch gut! Lass uns ruhig bei diesem Beispiel bleiben, daran kann man sehr gut erklären, was ich meine! Jonas war klein und dünn. Aber er hat bis zur U14 das Spiel dominiert. Aufgrund seiner läuferischen und kognitiven Fähigkeiten hat er körperliche Defizite wettgemacht! Und erst als die Pubertät eingesetzt hat wurde deutlich, dass mit ihm eine Anpassung stattfinden muss. Die anderen haben körperlich losgelegt, er war noch nicht soweit. Aber sowas ist ja nicht schlimm! Das ist einfach nur eine Anpassungsphase. Da muss man mit so einem Jungen die Zeit, die Geduld und eben vor allem auch die Kompetenz haben, die er braucht, um sich zu einem guten Athleten zu entwickeln.

ED: Hat so ein Spätentwickler es jetzt, mit der neuen Struktur, schwerer als vorher?

HG: Meine Einschätzung: Es ist egal, mit welcher Altersstruktur gespielt wird! Physisch stark ist physisch stark, physisch schwach ist eben schwach. Es kommt am Ende auf die läuferischen, technischen und kognitiven Fähigkeiten an, die der Spieler mitbringt. Ich suche immer die Spieler mit den größten kognitiven Fähigkeiten.

ED: Das heißt, du suchst kluge Spieler?

HG: Für unser neues Spielerentwicklungsbuch, an dem ich seit einem dreiviertel Jahr arbeite, habe ich mir Fallbeispiele gesucht, habe die Trainer interviewt. Ich wollte nicht den besten Spieler der jeweiligen Altersklasse sondern den mit der größten Aufmerksamkeit. Diese Spieler habe ich als Probanden genommen. Und dann kommt man immer wieder an den gleichen Punkt: Spielern mit hoher Aufmerksamkeit und guten kognitiven Fähigkeiten fällt es leichter, Forderungen umzusetzen und bestimmten Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Es geht gar nicht darum, wer den stärksten Schuss hat oder technisch besonders gut ist. Und da ist Jonas bei den Profis einfach mal DAS Beispiel schlechthin.

ED: Wie ist denn dein Ausblick auf die nächste Saison?

HG: Desaströs. Ich bin seit zehn Jahren Trainer und hatte in dieser Zeit vielleicht vier, fünf Tage, wo es mir schwer fiel, zur Arbeit zu gehen. Aber im Moment ist das nur noch so. Wir sind jeden Tag, rund um die Uhr, mit diesem Thema konfrontiert. Letztendlich trainiert jeder Trainer eine Mannschaft, die ihm am Wochenende, zu den Spielen, nicht zur Verfügung steht. Jeder Trainer ist doch auch darauf bedacht, das Umfeld mit zu steuern, die Gefühle der Jungs nachzuvollziehen. Aber wie sollen sie jetzt ihre Athleten kennen lernen? Am besten lerne ich die Sportler in Drucksituationen kennen, im Spiel! Wie geht der Spieler mit Erfolgen um? Mit Niederlagen? Aber die Trainer haben ja zu den Spielen immer nur die Hälfte ihrer Sportler dabei! An der Sportschule müssen Förderpläne geschrieben werden. Das heißt, andere Trainer müssen für meine Sportler die Förderpläne schreiben! Aber mit solchen Sachen hat sich der DEB nicht auseinandergesetzt. Wir erstellen über jeden Spieler ab der 7. Klasse ein Stärken-Schwächen-Profil. Damit gehen wir in die Förderkonferenz, mit Eltern, Lehrer, Trainer. Der Sportler muss auch eine Selbstanalyse machen. Hier geht es nicht darum, mal einen Trainingsplan zu schreiben. Wir müssen unsere Sportler kennen und uns intensiv mit ihnen auseinandersetzen. Aber das ist ja jetzt nur noch bedingt möglich, denn an den Wochenenden, zu den Spielen, sehe ich ja einen Jahrgang überhaupt nicht. Ich sehe nicht, wie die Sportler in Drucksituationen reagieren, sehe ihr Sozialverhalten nicht, ihre Kompetenzen gegenüber Mitspielern, alles Dinge, die in den Förderplan mit einfließen müssen. Ich wollte versuchen, es positiv zu sehen. Dann sind wir eben so wie eine Hockey-Akademie in Kanada, pay to play. Aber das ist ja nicht unsere Mentalität, nicht unser Anspruch.

ED: Was müsste passieren?

HG: Tja, ins Ausland gehen ist nicht möglich. Es gibt nur einen Weg. Der Verband muss in die Analyse gehen, muss Maßstäbe setzen, und er muss zurück gehen in das alte Konzept. Man muss anders ansetzen. Nicht gucken, was machen die in der Schweiz oder sonstwo, sondern fragen, was wir mit unseren Gegebenheiten und Möglichkeiten verändern können.

ED: Und wie, denkst du, wird es an der Schule weiter gehen?

HG: Wenn alles bleibt, wie es jetzt ist, dann fürchte ich, es wird mittelfristig die Sportart Eishockey an dieser Schule nicht mehr geben. Aufgrund der Tatsache, dass alle mit dieser Situation überfordert sind: Trainer, Lehrer, Eltern. Fehler werden passieren, das lässt sich kaum vermeiden. Und ich kann Eltern verstehen, wenn die sagen: „Hier, euren Kokolorus, den habe ich satt, ich geh mit meinem Kind in einen Verein, wo normale Strukturen herrschen, wo es keine Sportschule gibt!“. Und damit befinden wir uns in Selbstauflösung. Ich sage, so wie es bei den Eisbären bisher gelaufen ist, das könnte ein Maßstab sein für das gesamte Eishockey, aber man schafft es jetzt ab! 5-Sterne-Plan? Wir haben genau das, was sie eigentlich wollen beim DEB. Vielleicht sind wir ja geografisch nicht interessant genug, aber warum stellt denn niemand die Frage, wie wir das hier in Berlin machen? Der Verband sitzt in Bayern, der Olympiastützpunkt ist in Füssen. Es gibt nur diesen einen Olympiastützpunkt für das Eishockey! Weil er schon immer da war. Natürlich sind es von dort aus ein paar hundert Kilometer nach Berlin, da kann der Verband ja locker sagen, Berlin geht uns nichts an. Aber aus Berlin kamen immer wieder Nationalspieler, unter anderem auch drei, die in diesem Jahr eine Silbermedaille bei Olympia geholt haben. Und das geht jetzt vielleicht den Bach runter und ich habe keine Lösung dafür. Und viele meiner Trainerkollegen stoßen jetzt schon an ihre Grenzen. Banalste Dinge scheinen nicht möglich zu sein. Ein Fototermin für das Mannschaftsfoto! Das krieg mal hin! Du hast ja nie alle Mitglieder einer Mannschaft am gleichen Tag am gleichen Ort. Und so wird das ein Riesenproblem. Unglaublich! Ich trainiere im Trainingsraster 15 Athleten, die mir am Wochenende nicht zur Verfügung stehen, weil sie einfach einer anderen Altersklasse angehören. Und der Jahrgang 2004 ist in meinem Spielbetrieb, ist in der 9.Klasse und wird von einem ganz anderen Trainer trainiert. Ich sehe die Jungs nur noch phasenweise, sag mal Hallo, und das ist die einzige Kommunikation, die gerade stattfindet: Hallo und Auf Wiedersehen. Das Zwischenmenschliche, das doch so wichtig ist, ist völlig weg! Ich kann ja nicht mal am Donnerstag sagen, wer am Wochenende wo spielt. Und das, obwohl ich diese Woche schon zwei Sitzungen zu dem Thema hatte! Und wenn’s gut läuft, sage ich den Jungs die Spielaufstellung anderthalb Stunden vor Spielbeginn. Und unsere ehrenamtlichen Betreuer hier? Die haben einen Job, die machen das in ihrer Freizeit, und die werden regelrecht aufgefressen von diesem ganzen Kram. Irgendwann schmeißen die hin. Und ohne Ehrenamtliche sind wir hier nichts in diesem Verein. Tut mir leid, aber heute habe ich keinen positiven Blick in die Zukunft für euch.

ED: Hardy, wir danken dir für dieses Interview und wünschen dir für deine Arbeit viel Kraft! Und wir wünschen uns beim DEB Menschen, die genauso für unseren Sport brennen wie du, die anerkennen, was hier geleistet wird und bereit sind, euch zu unterstützen!

Dieses Interview erschien zuerst in der Ausgabe 166 des Eis-Dynamo.

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