Analyse: Die Probleme des Eisbären-Powerplays

Es ist die wiederkehrende Geschichte bei den Eisbären Berlin. Seit der Saison 2015/16 stockt der Motor in Überzahl. Höhepunkt war dabei die letzte Saison, die sie mit der schlechtesten Powerplay-Quote der gesamten Liga (11,4%) abschlossen. In der aktuellen Spielzeit befinden sie sich nach 15 Spielen im Überzahl-Ranking auf dem 11. Platz. Wir haben uns gefragt, woran liegt es, dass das Powerplay der Eisbären nicht richtig funktionieren will und haben auch nach möglichen Lösungen geschaut.

In der Analyse habe ich mir jedes Powerplay der Eisbären in dieser Saison noch einmal angeschaut. 48 Mal hatten sie bislang eine Überzahlsituation, sechs Treffer konnten sie erzielen. Das macht eine Quote von 12,5 Prozent. Zum Vergleich – Bremerhaven hat aktuell das beste Powerplay der DEL. Die Pinguins hatten 47 Mal die PP-Chance und trafen zwölf Mal. Drei Faktoren sind mir besonders aufgefallen: Wie kommen die Eisbären in die Offensive-Zone, welches System spielen sie und welche Spieler schickt das Trainerteam in Überzahl auf das Eis bzw. welche Rolle übernehmen sie?

Zone-Entries

Unter dem Oberbegriff Zone-Entries verbirgt sich im Grunde die Art und Weise, wie ein Team seinen Angriff einleitet und das Angriffsdrittel kommt. Es geht dabei vor allem darum, ob das Team nach dem Überqueren der blauen Line in Puckbesitz ist oder sich den Puck erst wieder zurückkämpfen muss. Ein Beispiel für einen gelungenes Zone-Entrie seht ihr hier:

Richmond bringt die Scheibe mit Tempo durch die neutrale Zone und die Eisbären bleiben in Scheibenkontrolle. Durch den cleveren Pass in die Rundung zu Parlett, finden sie sogar sehr schnell in die Aufstellung. Problematisch wird es, wenn man es nicht mit Scheibenkontrolle in das Drittel schafft. Die meisten Mannschaften greifen dann auf typische Dump&Chase zurück – also das Tiefspielen der Scheibe, mit dem Ziel sie in den Ecken „auszugraben“. Das Problem dabei ist, dass man zunächst den Puckbesitz abgibt und es dem Gegner relativ leicht macht, den Puck zu klären.

An sich gelingt es den Eisbären im bisherigen Saisonverlauf sehr gut, mit Puckbesitz ins Angriffsdrittel zu kommen. Dies ist auch ein Grund, warum sie viele ihrer Powerplay-Tore bislang nicht aus ihrer Aufstellung geschossen haben, sonders durch schnelles Überbrücken der neutralen Zone. Siehe das 1:1 gegen Wolfsburg:

System

Kommen wir nun zu einem Bereich, wo die Eisbären noch erhebliche Probleme haben – dem System. Denn wenn die Eisbären einmal den Weg in die Zone gefunden haben und dort nicht schnell zum Abschluss kommen, haben sie große Probleme in die Aufstellung zu finden.

In den vergangenen Jahren hat sich international vor allem eine Überzahl-Strategie etabliert. Fast alle Eishockeymannschaften spielen mittlerweile eine 1-3-1 Formation im Powerplay. NHL-Teams wie die Philadelphia Flyers oder Washington Capitals haben dieses System nahezu perfektioniert. Aber auch in der DEL beherrschen einige Teams das 1-3-1 sehr gut. Man denke an die Augsburger Panther (vor allem in der letzten Saison) oder den EHC Red Bull München.

Das 1-3-1 hat sich vor allem deshalb als das beste Powerplay-System etabliert, weil es der angreifenden Mannschaften verschiedene Optionen gibt, um zum Torerfolg zu kommen.

Hier sehen wir das 1-3-1 in Aktion bei den Washington Capitals. Ein Verteidiger steht oben an der blauen Linie. Wie ihr sehen könnt, positionieren sich drei Spieler auf Höhe der Bullypunkte, nahezu auf einer Linie. Der fünfte Spieler befindet sich vor dem Tor. Der Puck befindet sich im Beispiel bei Nicklas Bäckström am unteren Bildrand. Die roten Linien zeigen mögliche Pass- und Schusswege. Bäckström hat die nun die Qual der Wahl:

  • er könnte die Scheibe hoch auf den Verteidiger spielen. Entweder für den Schuss oder um das Spiel zu verlagern
  • er hat mehrere Optionen die Scheibe hart Richtung Tor zu spielen. Der Stürmer vor dem Tor kann sie abfälschen oder nochmal ablegen
  • er könnte den schweren Pass für den Direktschuss auf einen der beiden Spieler in der Mitte spielen.

Wichtig für den Erfolg des 1-3-1 ist, dass jeder Spieler auf dem Eis seine Rolle kennt. Man wird kaum ein 1-3-1 finden, wo im Vorfeld nicht definiert ist, welcher Spieler vor dem Tor positioniert wird, welcher Spieler den Spielmacher etc. übernimmt. Das alles unabhängig davon, wie die Mannschaft ins Angriffsdrittel kommt und wo sich zum Zeitpunkt des Entries die einzelnen Spieler befinden. Womit wir bei den Eisbären wären…

In Grundzügen ist das 1-3-1 in Saisonverlauf immer wieder zu erkennen. Großes Problem: Bei den Eisbären scheint es keine klare Rollenverteilung zu geben. Es spricht nichts dagegen, wenn die Spieler aus der Situation heraus mal rotieren. Bei den Eisbären wirkt das jedoch teilweise sehr planlos. Als sei die Taktik an die Tafel gebracht worden, die Spieler müssten ihr Position aber selbst finden. So entsteht nach jedem erfolgreichen Zone-Entry erstmal eine Art Reise nach Jerusalem. Einige gegnerische Mannschaften spielen die Unterzahl dann so aggressiv aus, dass die Eisbären es dann gar nicht erst ihre Formation schaffen.

Trotz sicherem Scheibenbesitz, beginnt unter den Stürmern das Suchen nach der Position. Das man sich trotz vieler Optionen auch für die Falsche entscheiden kann, zeigt dieser Ausschnitt auch sehr gut. Denn nachdem die Eisbären nach über 15 Sekunden in die Aufstellung gefunden haben, entscheidet sich Rankel für den verdeckten Schuss, obwohl Köln auf der linken Seite komplett die Tür aufmacht. Interessanter Fakt am Rande: Richmond spielt die Position links oft viel zu hoch. Er wirkt fast schon vorsichtig, als wolle er nicht Gefahr laufen, bei Scheibenverlust außer Position zu sein. Für einen Verteidiger, der so risikofreudig ist, ist das schon bemerkenswert.

Personal

Wie kann man das Eisbären Powerplay also retten? So blöd es klingt: Training. Aber auch am Personal kann man werkeln. Zu Saisonbeginn setzte das Trainerteam in der Regel auf zwei Formationen:

Rankel – Olver – Petersen – Richmond – Parlett

Sheppard – Busch – Oppenheimer – Backman – DuPont

Noebels – Aubry – MacQueen/Fischbuch – Hördler – Richmond waren die dritte Option mit weniger Eiszeit und wurden oft gegen Ende eines Powerplays aufs Eis geschickt.

In keiner der genannten Formationen war ein Spielmacher klar zu erkennen. Sicher ist, mit Richmond und DuPont haben die Eisbären zwei Verteidiger zur Auswahl, die diese Rolle ohne weiteres ausführen könnten. DuPont hat sogar das Plus, dass kaum ein Spieler der DEL so ein gutes Verständnis für gute Schüsse hat wie er. Frank Hördler wäre die Wahl, wenn man es mit Direktschüssen von der blauen Linie versuchen will. Besonders auffällig fand ich, dass Jonas Müller und Kai Wissmann in Überzahl gar nicht stattfinden. Vor allem Müller, der in der Vergangenheit bereits gezeigt hat, dass er den Puck regelmäßig kontrolliert in die Zone bringen kann, wäre durchaus ein Option – immerhin war Jens Baxmann zeitweise auch im Powerplay im Einsatz.

Im Sturm fehlt ebenfalls eine klare Rollenverteilung. Nick Petersen, der im Vorjahr noch für die Abschlüsse zuständig war, versucht sich immer häufiger als Spielmacher. Leider trennt er sich dabei häufig zu spät von der Scheibe oder versucht die Aktion zu perfekt zu machen. Auf den Halbpositionen links und rechts müssten die Eisbären eigentlich gut besetzt sein. In einer perfekten Welt würden sie die Scheiben nach Belieben von links und rechts versenken. Backman, MacQueen, Fischbuch, Rankel, Oppenheimer sind alles Spieler mit einem guten Schuss. Sheppard und Busch könnten als Spielmacher auf einer Halbposition zum Einsatz kommen. Vor dem Tor hat man mit Noebels einen Spieler, der sowohl die Sicht des Torhüters stören kann, aber sich auch mal nach Außen fallen lassen kann, um hier den Aufbau zu unterstützen bzw. Räume zu öffnen. Auch Aubry und Oppenheimer könnten diese Rolle direkt vor dem Tor oder in der Mitte der 3er-Reihe im Slot übernehmen.

Fazit:

Es wartet noch eine Menge Arbeit auf Uwe Krupp und seinen Trainerstab. Aber das ist gut so, die Saison ist lang und bietet noch viele Möglichkeiten, dass Powerplay zu entwickeln. Das es urplötzlich funktionieren kann, haben die Playoffs im letzten Jahr gezeigt. Schaut man sich die Eisbären der Saison 2017/18 an, stellt man fest, dass der Trainingsfokus bisher scheinbar auch hauptsächlich auf dem Spiel 5 gegen 5 basierte. Dort sind die Berliner eines der besten Teams der Liga. Das hier und da am Powerplay gearbeitet wird, zeigte das vergangene Wochenende, als man gegen Nürnberg und München das 1-3-1 deutlicher erkennen konnte. Aber vielleicht ist das Eisbären-Powerplay auch einfach nur ein Protest:

 

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